Der Untergang einer Volkspartei - Folge 3

Der Fisch stinkt vom Kopf her. Sigmar Gabriel – der Versuch einer Annäherung.

Bereits in zwei vorangegangen, medial vielbeachteten Berichten wurde versucht, den unerklärlichen Niedergang der SPD zu beleuchten. Aufhänger waren der Mindestlohn und der GdL-Streik. Doch das deutsche Volk ist vielbeschäftigt. Wie man an Merkels Beliebtheitswerten sieht, bleibt keine Zeit mehr für Inhalte. Wir wählen keine Programme mehr, keine Ideologien und keine Lösungen. Unsere Programme sind die Stadionhefte. Unsere Ideologien seit 1933 unverändert. Unsere Lösungen verlässlich empathielos. Wir wählen folgerichtig im eigentlichen Sinne keine Politiker mehr, sondern Köpfe. Was liegt da näher, als den Kopf der SPD zu beleuchten?

Erste tapsige Schritte

Sigmar Gabriel war schon immer ein Mann des Volkes, eher ein Freund denn ein Politiker. Das Anliegen des kleinen Mannes bewegt ihn seit jeher wie nichts anderes, und demokratische Ungerechtigkeiten bringen den lupenreinen Demokraten um den Schlaf.

Erste Achtungserfolge auf großer Politikebene erzielte der George Clooney der SPD, wie er intern vergöttert wird, als Ministerpräsident Niedersachsens. Da dieses Bundesland jedoch außer Gegend nicht viel zu bieten hat, war Gabriel mit dem Posten natürlich nicht ausgelastet. Sein Machertum und sein Eifer mündeten folgerichtig in der Gründung einer Firma zur Unternehmensberatung – dafür war der gelernte Lehrer für Deutsch und Politik geradezu prädestiniert. Eine der ersten Firmen, die Gabriel mit Herz und Expertise auf den Erfolgsweg führte, war das ambitionierte Unternehmen mcr:


Der Erfolg ließ sich bei aller Bescheidenheit nicht verheimlichen, und so verwundert es nicht, dass bereits ein Monat nach Gründung der Beratungsfirma der erste Großauftrag von VW folgte. Das Projekt mit dem Titel „Europäische Industriepolitik“ wurde mit einem Auftragswert von geschätzt 130.000 EUR an die seit 4 Wochen etablierte 2-Mann-Firma vergeben. Da Gabriel Ministerpräsident Niedersachsens war, musste er für den Deal, der in der Chefetage in Wolfsburg ausgehandelt wurde, zum Glück keine weite Anreise in Kauf nehmen. Demonstrierte Synergie-Effekte in der Praxis – das ist Wirtschaft!


Doch es war nicht alles rosarot. Unter bisher nicht geklärten Umständen verlor die SPD 2003 die Landtagswahl – der fast schon unwirklich sympathische Christian Wulff wurde der 2. CDU-Ministerpräsident Niedersachsens seit dem 2. WK. Die SPD kam gegen die Volatilität des uninformierten Volkes nicht an, am Ende spielte der homöopathische Stimmenrückgang von 14,5% Schicksal und beendete die 13 Jahre andauernde sozialdemokratische Vorherrschaft. Gabriel wechselte folgerichtig, mit einem LKW voll Vorschusslorbeeren, in die Bundespolitik.

Für die große Bühne geboren

Dort wehte ein anderer Wind, der die Eiche aus Goslar aber natürlich nicht beeindrucken konnte. Erste Sympathiepunkte sammelte Siggi Pop bei seinen sozialen Kollegen mit der heiteren Anekdote, wie er angetrunken zu spät zu seinem eigenen Umzug kam und seine Frau in der neuen Wohnung die Küche aufbauen ließ. Weitere Lacher erntete der Schelm regelmäßig, wenn er den jüngeren Parteikollegen beim Mittag in der Kantine den Wundschorf klaute. Schnell war klar: Wo Sigmar ist, brennt es. Der Weg zum Parteivorsitzenden war geebnet.


Seither bezirzt er das deutsche Volk geradezu mit seiner salomonischen Weisheit und hält tagtäglich mit charmanter Entschlossenheit die Fahne der transparenten Demokratie hoch. Nur Wählerstimmen fliegen ihm noch zahlreicher um die Ohren als BH´s.


So bringt er, ganz im Sinne sozialdemokratischer Tradition, als Bundeswirtschaftsminister nicht nur das Freihandelsabkommen auf dem Weg, sondern weiß das Volk und die Parteigenossen mit seiner Rhetorik auch noch spielerisch von den unzähligen Vorteilen dessen zu überzeugen:


Vor dem Hintergrund seiner beeindruckenden Erfolge als Unternehmensberater stellt der Verkauf des Freihandelsabkommens keine Herausforderung dar, sondern die angenehme Rückkehr auf bekanntes Wirtschaftsparkett, wo er nun eine besonders elegante Sohle hinlegt. Bei anderen Runden mit Wirtschaftsmachern und Politikern ist auf den ersten Blick ersichtlich, wer tatsächlich das Sagen hat – die Politiker wirken unbeholfen und dürfen mitspielen, solange sie parieren. Bei Gabriel ist das anders: Würde man es nicht besser wissen, hielte man ihn zwischen all den Großindustriellen selbst für den nächtigen Inhaber eines multinationalen Unternehmens, das mit dem Ziel der eigenen Monopolstellung strategisch den Markt aufkauft. Zum Glück hat sich Gabriel gegen das sichere große Geld und für das Volk entschieden. Würde sein sozialer Charakter nicht alles überstrahlen, man müsste ob dieser Entscheidung den Kopf schütteln.


Es imponiert besonders, dass Gabriel ganz nebenbei so leichtfüßig mit seinen Parteigenossen umgeht, wie er die biestige Wählerschaft hinter sich zu vereinen weiß. Für Sozialdemokraten gilt im Speziellen, was zum Rüstzeug aller Parteipolitiker gehört, nämlich die Demonstration der Begriffe Transparenz und Demokratie im parteiinternen Machtkarussell – und schon wieder ein Heimspiel. Nicht umsonst ist Gabriel völlig gelassen, was die mögliche Urwahl des SPD-Kanzlerkandidaten für die nächste Bundestagswahl angeht. Und was kann ihm schon geschehen? Im Falle einer Niederlage widmet er sich eben wieder der Beratung der Firma cmr. Die sollten momentan Hochkonjunktur haben – die Deutschen hocken ja bloß noch auf ihrem Ersparten, weswegen der Verkauf von Geldschränken ein reiner Selbstläufer ist.

Politikkarriere trotz Charakter – Wenn moralische Integrität vom Hemmnis zum Erfolgskatalysator wird

Vermutlich jedoch wird alles glatt laufen. In seinen Berliner Jahren hat sich das politische Schwergewicht nicht nur fachlich enorm profiliert, sondern auch als potenzieller, vertrauensvoller Anführer einer großen Wirtschaftsnation wie Deutschland. Gabriel vereint inzwischen alles, er ist zielstrebig wie Merkel, autoritär wie Seehofer, ernstgenommen wie Gauck, sozial wie Schröder. Wäre er in seinem Handeln nicht so stringent an seine Moral gebunden, er könnte es eines Tages weiter bringen als Franz Joseph Strauß.


Überhaupt durfte das deutsche Volk beim Edathy-Fall aus erster Reihe beobachten, wie moralisch einwandfrei die Welt Gabriels funktioniert. Als SPD-Chef wurde er im Zuge der Koalitionsverhandlungen durch den damaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich über die laufenden Ermittlungen informiert. Ganz im Stile eines „elder statesman“ lobte er das Weitergeben eines Dienstgeheimnisses, immerhin im Falle des Verdachts auf Kinderpornographie, als „hochanständig“. Und ebenso hochanständig und im Stile eines „elder statesman“ bestätigte Gabriel Friedrich in seiner Annahme, die brisante Angelegenheit vertraulich zu behandeln, indem er sogleich eine Rund-SMS mit vielen smileys an Steinmeier und Oppermann sendete – so viel Spaß will man doch teilen, verpflichten die sozialdemokratischen Wurzeln. Abgesehen von der zeitlosen Überzeugung, dass dieses Verhalten selbstverständlich keinen Bruch der Vertraulichkeit darstellte, habe er ansonsten nur „rudimentäre Erinnerungen“. Das ist nur zu verständlich, immerhin liegt der Vorfall inzwischen fast 2 Jahre zurück, und wie viele Regierungsbildungen mit begleitender Kinderpornographie hat Gabriel zwischenzeitlich schon hinter sich gebracht? Bundespolitischer Alltag. Wie korrekt und selbstkritisch der wuchtige Soze handelte, fällt insbesondere im Vergleich zu Friedrich auf – dieser beteuerte vor dem Untersuchungsausschuss, nachdem er längst seinen damaligen Ministerposten abgeben musste, noch immer voller Inbrunst, er hätte damals richtig gehandelt. Wo andere stolpern, profiliert sich Gabriel.


Von ähnlich moralischer Aussagekraft sollte auch die Postenbesetzung in den Folgewochen zeugen: Er machte Andrea Nahles zur Arbeits- und Sozialministerin und zeigte damit, dass er Widersprüche ebenso anstrengungslos herunterschluckt wie Kohlrouladen zum Frühstück. Ein Verfechter der Umverteilung, der dank seiner Liebe zu all-you-can-eat-Wettbewerben ganze Supermärkte leerfrisst und Alleinerziehende selbst an der wöchentlichen Tafel noch wegschubst – das hat Stil und zeugt von Entschlossenheit. Dem Bürger imponiert das. Bei Merkel gibt es zu Hause nur Suppeneintopf, und zwar die ganze Woche. Unaufgewärmt.


Das hat er sich gut bei Merkel abgeschaut: Aussitzen und schweigen ist besser als Stellung zu beziehen, und deshalb darf weiter fleißig das Image geschärft werden. Völlig zurecht gab es in den vergangenen Tagen Applaus für seine in lyrischen Worten gepackte Nachricht an das xenophobe Pack: „Das ist nicht das Deutschland, das wir hier haben wollen. Für die gibt es nur eine Antwort: Polizei, Staatsanwaltschaft und nach Möglichkeit für jeden, den wir erwischen, Gefängnis“, droht der Menschenfreund an. Der Ärger ist nur zu verständlich, schließlich zeigt jeder Übergriff auf eine Flüchtlingsunterkunft indirekt, wie löchrig der Zaun noch ist, den Gabriel zusammen mit Merkel und anderen europäischen Politikern um die Eurozone baut, um die Flüchtlinge auf traditionelle deutsche Weise willkommen zu heißen.


Damit der Zaun nicht zu häufigen Belastungsproben ausgesetzt ist, könnte Gabriel auch den Waffenhandel ausbauen. In den vergangenen Jahren wurden u.a. Marokko, Ägypten, Saudi Arabien und die Türkei beliefert. Selbst das bankrotte Griechenland musste im Zuge der Milliarden-Hilfen deutsche Panzer kaufen – ein echtes Systemangebot: Die deutsche Wirtschaft profitiert und die übers Mittelmeer angeschleppten Horden werden in Schach gehalten, damit Deutschland weniger Flüchtlinge versorgen muss, denn das wäre nicht das Deutschland, das wir haben wollen. Auch hier wieder Synergie-Effekte, soweit das Zielfernrohr reicht. Die harte Schule der Privatwirtschaft musste sich ja irgendwann auszahlen.


Sigmar Gabriel darf sich schon jetzt für sein Lebenswerk feiern lassen. Er ist mit seiner Kanzlerinnen-Anbiederung und seiner Wirtschaftspolitik in der eigentlich arbeitnehmernahen SPD ähnlich glaubwürdig wie ein Jugendlicher in einem Step-Kurs, „weil er sich über die Schwulen lustig machen will“. Der Rechtsruck in der Union, der sich beispielhaft an TTIP und den Zäunen um Europa gegen Flüchtlinge zeigt, lässt das linke Wählerspektrum völlig verwaist zurück. Althergebrachte Politiker würden sich das freiwillige Räumen des Zentrums durch die Union zu Nutze machen und linke Inhalte in den Vordergrund schieben, die die Bio-FDP namens Grüne nicht mehr bedienen und dessen Umsetzung der vermeintlich regierungsunfähigen Linken nicht zugetraut werden. Gabriel zeigt sich hingegen vorausschauend wie ein kettenrauchender Onkologe und denkt sich: „Wenn die CDU die NPD rechts überholen kann, können wir das schon lange!“ Selbst Kurt Beck muss sich doch an die Stirn fassen...

Die Palette an potenziell erfolgreichen Themen ist riesengroß: Offenlegung der Bundestagsgehälter und ernsthafte Bekämpfung des Lobbyismus. Umgang mit Steuerflüchtigen, insbesondere Unternehmen. Rentenreform, Integrationspolitik, Bildung. Wie wäre es mit einem echten Mindestlohn? Krankenhaus- und Pflegepersonal, Rüstungspolitik und Waffenexporte. Thematisierung der Wirtschaftskrise und öffentlicher Diskurs über die wahren Gründe, Hartz IV und Arbeitsmarktpolitik und und und...

Aber Gabriel weiß es besser. Wo Intelligenz fehlt, möchte man auch nicht bauernschlau sein. Und deshalb ist er auch genau der richtige Mann für die richtige Partei. Wenn das Vorbild die FDP ist.



Kommentar schreiben

Kommentare: 0