Die dunkle Macht

Allen Unkenrufen von Demografie-Experten zum Trotz wird das deutsche Volk wohl noch eine Weile existieren, und die gesicherten mitteleuropäischen Verhältnisse werden auch das Land Deutschland noch für einige Zeit da belassen, wo Gott die Erde bisher das einzige Mal zärtlich liebkoste. Jedoch, ein unverzichtbarer Teil des weltlichen Daseins liegt im Sterben, der Volkswille.

Bereits in der 3. Kanzlerperiode reagiert Angela Merkel auf dieses Land, und sie tut dies auf ihre ganz eigene Art, die mysteriöser nicht sein könnte. Mit Blazern, die eher als Einschüchterung denn als Superhelden-Cape herhalten können. Die Hände stets mondän gefaltet und auch in langen Sitzungen adrett vor den kalten, starren Torso gehalten. Die Mimik-Garderobe gibt seit Jahr und Tag nur diesen einen Ausdruck als fest-betonierte Mischung aus Ignoranz und routinierter Verbitterung her. Die Frisur ist eben so.

Sollte das Bundeskanzleramt innen tatsächlich genauso wohnlich eingerichtet sein, wie es dieser Bauklotz von außen vermuten lässt, hat man schnell Max Schreck in Nosferatu vor Augen, wie er einsam in seinem kahlen Schloss allnächtlich fahler wird. Abgerundet wird dieser äußerliche Gesamteindruck von der diabolischen Aura der Kanzlerin, selten etwas sagen zu müssen. Häufig meint man, mit dem allgemeinen Geschwafel gut weggekommen zu sein.

Woher kommt diese diffuse Angst?


Schleichender Tod

Merkel ist mit ihrem schwebenden Wesen die Verkörperung dessen, was sie mit dem mündigen Bürger anstellt: Der Engelshauch des Todes. Kein Besetzer des Kanzlerpostens vor ihr konnte das Volk durch Politik-Abstinenz in dieser nachdrücklichen Weise beeindrucken und somit für sich gewinnen. Diesen Coup gestaltet sie seit jeher nebulös, denn der Nebel des Grauens als Endeffekt ist auch die Voraussetzung für dessen eigenes Gelingen. Der größte Trick, den der Teufel je gebracht hat, war die Welt glauben zu lassen, es gäbe ihn gar nicht.


Und so liegt der Patient „Volkswille“ seit Jahren im Sterben. Entkräftet. Vielleicht sogar gebrochen, auf jeden Fall desillusioniert. Selbst größte Ungerechtigkeiten wie der TTIP-Verkauf an die USA werden allenthalber achselzuckend zur Kenntnis genommen. Wer eigene Meinungen vertritt, wird stellvertretend für die Königin der Nacht durch Herrn Gabriel als hysterisch gebrandmarkt.

Unsere Kanzlerin hat lautlos und mit irrem Blick erreicht, was Herrscher und Könige vergangener Jahrtausende noch blutig und gegen alle Widerstände durchprügeln mussten: Blinden Gehorsam und vollständiges Desinteresse. Über 200 Jahre nach Kants Leitsatz der Aufklärung „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ sind politisch Andersdenkende mit einem Male „Wutbürger“. Politik hat pragmatisch statt idealistisch zu sein. Selbst der Begriff „Gutmensch“ hat mittlerweile einen milde belächelten Beigeschmack. Die schwarze Witwe saugt ihrer Beute das Leben aus.


Es erscheint nicht verwunderlich, dass die letzten verzweifelten politischen Hilfeschreie, ähnlich einem Greis auf dem Totenbett, inhaltlich eher wirrer Natur und von überschaubarer akustischer Dauer sind. Die Piraten sind ebenso schnell mit dem Kahn abgesoffen, wie sie diesen geentert haben. Und auch die AfD wird in absehbarer Zeit ob ihrer Rechts- Links-Schwäche den eingeschlagenen Erfolgskurs nicht halten können und mit viel Getöse vor die Wand fahren. Nur Frauke Petry könnte Glück haben, immerhin hat Sachsen ein Herz für rechte Kommunalpolitiker. Braune im Kreistag sind okay, Schwarze im Asylheim sind Überfremdung – farbliche Nuancen!


Inzwischen nährt sich der Eindruck, der Volkswille wünscht sich nicht mal mehr den Fortgang des Gespenstes, sondern das eigene Ableben als letzte Hoffnung auf Frieden und Seligkeit. Einerseits ist das nachvollziehbar, legt man damit das eigene Schicksal in die Hände der Allmächtigen. Nichts anderes ist unsere Kanzlerin, und somit wäre allen Genüge getan. Andererseits ist Trägheit eine Todsünde, und die Fürstin der Finsternis wird das sicher angemessen zu bestrafen wissen. Es ist nicht auszuschließen, dass die, die aufgeben, doppelt zur Kasse gebeten werden wie bei der Betriebsrente. Wie man es macht, man macht es verkehrt. Teuflisch.


Ausgehauchte Lebenskraft

Lässt man politische Entwicklungen der vergangenen Legislaturperioden Revue passieren und hält sich vor Augen, dass Frau Merkel trotz dessen mit schwebender Leichtigkeit wiedergewählt worden ist, ist der Patient entweder sediert oder bereits im Delirium.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist der Versorgungsstatus, was Ärzte und Krankenhäuser angeht, tatsächlich verschwenderisch hoch. Wozu auch noch?

Genau zur rechten Zeit kommt daher der Entwurf des „Gesetzes zur Reform der Strukturen der Krankenhausversorgung“, der vorsieht, Kliniken für schlechte Leistungen Gelder zu entziehen. Die werden dadurch nämlich logischerweise besser. Der Entwurf ist natürlich auf Anraten der Krankenkassen erarbeitet worden. Und es werden sodann auch die medizinisch hochqualifizierten, streng humanistisch angehauchten Versicherungs-Vertreter sein, welche die Qualität der Leistungen beurteilen. So sieht wohl moderne Gesundheitspolitik aus.

Dieses Gesetz könnte eine nette Ergänzung zu TTIP werden. Das Handelsabkommen soll u.a. Bereiche abdecken, in denen in Europa noch überwiegend die Staaten die Fürsorgepflicht tragen, also auch Medizin. In Pittsburgh bspw., immerhin 2,6 Mio. Einwohner inkl. Umland, ist die größte Klinik eine private. Diese ist chic und sehr modern eingerichtet und brüstet sich mit einem hervorragenden Arzt-Patienten-Schlüssel, was nicht schwer ist, denn die wenigsten können sich den Besuch der Klinik leisten. In Deutschland würde das im Falle des Falles ähnlich aussehen. Nur dämonische Schatten wären auf den Fluren zu sehen – vermutlich die Versicherungs-Analysten.

Das Gebäude des ehemaligen General Hospital im Arbeiterviertel von Pittsburgh wurde dagegen abgerissen und der Boden gewinnbringend veräußert. Übrigens durch genau die Firma, der die Privatklinik gehört.


Überhaupt kommt die morbide Ader der Herrscherin aus Dunkeldeutschland besonders deutlich bei ihrer Abneigung gegenüber der medizinischen Überversorgung zum Ausdruck. In Griechenland hat sie ihre Vorstellungen einer ausgelieferten Brut bereits besser vorantreiben können. Dort mussten im Zuge des Spardiktats, welches sie durch ihren treuen, buckeligen Rollstuhl-Gollum durchpeitschen ließ, gleich ein Drittel aller Krankenhäuser landesweit geschlossen werden. Zur Belohnung gab´s für des Teufels Advokat angeblich eine neue Wendeltreppe hinauf zu seinem Überwachungs-Turm, den nur er betreten darf.


Dunkle Machenschaften

Es versteht sich von selbst, dass Nachtgestalten das Tageslicht meiden und lieber verschlagen unter einem Stein kauern, um auf die nächste Gelegenheit zur Selbstbeweihräucherung zu warten. Das politische Äquivalent dazu ist Lobbyismus. Eigentlich sollen Interessenverbände und Unternehmen ihre Zugangsberechtigungen zum Bundestag zentral beantragen. Auf diese Weise sollte ein gewisses Maß an Kontrolle und Transparenz sichergestellt werden.

Stattdessen offenbart sich, dass von 2.334 Personen, die sich frei in den Bundestagsgebäuden inkl. der Bürogebäude der Mandatsträger bewegen können, der Großteil seine Hausausweise über die Parlamentarischen Geschäftsführer erhalten hat. Diese wiederum sind nicht verpflichtet Auskunft zu erteilen, an wen sie die Ausweise ausgegeben haben.

Während normale Bürger in langen Schlangen vor dem Parlamentsgebäude einem einstündigen Happening auf der Besuchertribüne entgegenfiebern (und dabei vielleicht sogar einen Abgeordneten erspähen!), genießen unbekannte Einflussnehmer aller Art Narrenfreiheit in den Räumen, in denen die wichtigsten gewählten Volksvertreter sitzen. Die Mitglieder dieses politischen Schattenreichs, das sich derart abschottet, offenbaren somit ein grundlegendes Missverständnis der demokratischen Idee und lassen sich ohne einen Anflug von Gewissensbissen auf die dunkle Seite ziehen. Der Volkswille hat keine Kraft mehr zum Protest.


Krieg im Verborgenen

In den vergangenen Tagen hat es wieder ein fies grinsendes Schoßhündchen auf einen bequemen Posten geschafft, und er hat geliefert. Hans-Peter Bartels ist neuer Wehrbeauftragter des Bundestages, und gleich am ersten Tag forderte er brav mehr Rüstungsausgaben. Das Volk wurde auch lange genug mit Berichten über die mangelnde Truppen-Ausrüstung bombardiert, die Frage „Wo ist denn eigentlich der Krieg?“ wird nicht gestellt. Mama belohnte ihren Schützling mit einem milden Blick, bevor sie sich wieder der mentalen Ausblendung der BND-Affäre zuwandte. Der Volkswille liegt nur noch da.


Hinter allen politischen Entwicklungen zeichnet sich stets schemenhaft, wie hinter einem weißen Vorhang, Mama ab, ohne sicht- oder gar greifbar zu werden. Und über allem weht der eisige Atem der Ewigkeit als das finsterste aller nicht gegebenen Versprechen.


Würde Merkel in den alltäglichen Diskursen noch weniger Präsenz zeigen, müsste man den Begriff „spuken“ in die Politikwissenschaft offiziell aufnehmen. Niemand in der deutschen Fernsehlandschaft wirkt politisch desinteressierter als unsere Kanzlerin. Aber die Quittung der zunehmenden Politik(er)-Verdrossenheit in Form der stetig sinkenden Wahlbeteiligung ist gleichzeitig ihr Erfolgsgeheimnis.


Und warum auch sollte sie anders handeln? Die schwarze Union ist derzeit konkurrenzlos. Es geht nicht darum, Wählerstimmen zu generieren. Und immer dann, wenn ein von außen kommendes Korrektiv in Form von bspw. Wahlen nicht (mehr) notwendig ist, halten nur interne Machtkämpfe den Alltag interessant. Ein formidables Beispiel hierfür ist die FIFA. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass Deutschland es mittlerweile tatsächlich schon als 162. Land geschafft hat, dem Antikorruptionsübereinkommen der Vereinten Nationen von 2003 mittels eines äußerst löchrigen Antikorruptions-Gesetzes nachzukommen. Es sei zeitgleich angemahnt, wie lange Joseph Blatter schon im Amt ist und wie alt diese ganzen Dämonen werden können.


Im Gegensatz zur FIFA gibt es in Deutschland Wahlen, und doch zieht niemand diese gruselige Tante aus Mecklenburg-Vorpommern für ihren rückständigen, homöopathischen Politikstil zur Verantwortung. Wenn das keine Hexerei ist...


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Airman O'Malley (Dienstag, 26 Mai 2015 20:25)

    Sehr schön geschrieben und sicherlich einiges Wahres dabei. Einzig einige abrupte Themensprünge (Gesundheitspolitik,Lobbyismus, Wehretat) wirken auf mich etwas zusammenhanglos.