Das Phantom des Wohlstands – Der Bürger als Wile E. Coyote

Bekanntermaßen hat der Mensch keine natürlichen Feinde außer Alice Schwarzer, weswegen aus schierer Langeweile heraus ein würdiger Antagonist geformt werden musste – der Markt. Vielleicht hätte sich der Mensch im Nachhinein doch besser mit der Langeweile arrangiert…

BWL als Königswissenschaft

Kaum etwas dominiert unsere Nachrichten dermaßen wie die neuesten Entwicklungen unserer Wirtschaft. Experten analysieren die Wirtschaftskraft unseres Landes und stellen äußerst gewagte Prognosen auf („Könnte in Zukunft anders sein.“), und diese Aussagen sollen uns entweder in Sicherheit wiegen oder wachrütteln. Wenn man der persönlichen Zukunft positiv gegenübersteht, kann man ja mal was investieren. Ein Haus bauen, oder sich einfach so mal etwas Hübsches leisten. Wenn jedoch die Wirtschaft am Schwächeln ist, sollte man schnell investieren. Nichts ist schlimmer für unsere Wirtschaft als Sparen. Das führt zur Deflation, und das ist fast so gefährlich wie Inflation. Aber Stagnation ist natürlich auch nicht gut, denn Stillstand bedeutet Rückschritt.


Dies alles erscheint nur allzu logisch. Folgerichtig ist es genau so logisch, dass für alle Krankheiten unserer Wirtschaft ein Rezept existiert: Investieren. Der Bürger muss die sauer verdiente Kohle gefälligst ausgeben. Wofür? Egal. Das BIP fragt nicht nach Sinn der Ausgabe.


Wir alle leben in dem blinden Glauben, dass Wirtschaftswachstum per se etwas Gutes ist, und dass Wirtschaftswachstum automatisch Wohlstand bedeutet. Und wer sehnt sich nicht nach Wohlstand? Also lassen wir uns tagtäglich mit der politischen Peitsche zum Arbeiten antreiben, vor unseren Nasen baumelt, einer Möhre gleich und fast mit der ausgestreckten Zunge erreichbar, der Wohlstand. Gleich haben wir ihn – juchhu! Und dann? Dann können wir uns endlich den PS-starken Tiefergelegten als Zweitwagen in die Garage stellen und einen Urlaub im Jahr mehr machen. Am besten ohne die Familie in Thailand.


Off-Topic: Vielversprechende Geschäftsidee für das Segment „Pauschalreisen Thailand“: Integriertes all-inclusive-Seminar „Anatomie“ vor Abflug, Schwerpunkt: Adamsapfel. Sollte auf kräftige Nachfrage stoßen und somit die Wirtschaft ankurbeln. Kreditaussichten: Sicher. Rendite: Hoch.

Was ist Wirtschaftswachstum?

Wirtschaftswachstum wird über das BIP festgestellt. Das Bruttoinlandsprodukt errechnet sich im Wesentlichen aus dem Produktionswert abzüglich der Vorleistungen. Das bedeutet, das BIP ist die Differenz aus den produktiven Investitionen (Ressourcen, Arbeitskraft…) und dem erwarteten Erlös des fertigen Produkts. Diese geniale Berechnung (zumindest für BWLer) lässt 2 Punkte gänzlich unberücksichtigt:


1.    Sollten sich die Erwartungen bezüglich des Erlöses nicht erfüllen, ist die ganze Rechnung unbrauchbar. Anders formuliert, basiert diese Rechnung ausgabeseitig allein auf Annahmen bezüglich des Konsums (man könnte auch Hoffnungen sagen)! Und da bspw. Geld an sich wertlos und der reine Geldwert fiktiv ist, kann es hier zu erheblichen Irritationen kommen. Ein Beispiel ist die Immobilienkrise in den USA, welche die globale Wirtschaftskrise nach sich zog: Die Immobilien waren allesamt mit einem bestimmten Wert taxiert. Als die Immobilienblase platzte, fielen die Immobilienpreise rapide – die erwarteten Erlöse konnten nicht generiert werden. Innerhalb weniger Wochen und Monate sank das BIP ins Bodenlose. Wichtig ist hierbei, sich vor Augen zu halten, dass die Häuser nicht von heute auf morgen zerstört wurden. Die waren nicht schimmlig, und auch die Dachstühle sind nicht abgebrannt. Die Häuser waren in ihrem baulichen Zustand völlig unverändert. Einzig die Nachfrage im Falle eines notwendigen Verkaufs war geringer, als eben erwartet, weswegen auch der Preis geringer ausfiel, als erhofft.


2.    Das BIP ist rein rechnerisch eine gesamtvolkswirtschaftliche Messzahl und sagt somit nichts über die Verteilung des angeblich generierten Wohlstands aus. Das BIP steigt bspw. auch, wenn ein Land hohe Rüstungsausgaben beschließt. Die Rüstungsunternehmen würden eine starke Zunahme der Aufträge erfahren, die Löhne jedoch nicht anheben und schlicht den Gewinn einstreichen. Das Volk hat kein einziges Brot mehr zu essen als ohne diese Aufträge, erfährt keine Rentenerhöhung und wird sich nicht an besser ausgestatteten Schulen erfreuen. Die Rüstungsausgaben werden aus Steuermitteln bezahlt, und die Firmen werden diese eher nicht in Deutschland versteuern. Einzig die mitunter auch deutschen Aktionäre profitieren durch den steigenden Börsenkurs davon.

Das BIP von Katar ist doppelt so hoch wie in Deutschland, weswegen Katar doch ein Paradies für alle Menschen dieser Welt sein müsste. Aber Katar hat auch die höchste Millionärsdichte weltweit, mit 175 von 1.000 Haushalten. Das bedeutet, dass das Vermögen extrem ungleich verteilt ist: Die Reichen werden immer reicher durch die Produktivitätsleistungen der faktisch rechtlosen Sklavenarbeiter (welche tatsächlich existieren, auch wenn Beckenbauer und Effenberg keine gesehen haben wollen). Was hat das BIP also überhaupt für eine Aussagekraft? Was ist Wirtschaftswachstum demzufolge eigentlich wert?

Und wozu das alles?

Eine interessante Frage wird in den Nachrichten und den Talkshows nie gestellt: Warum benötigen wir eigentlich ständiges Wachstum? Ausgehend von der Berechnung des BIP scheint Wachstum keinesfalls gleichbedeutend mit flächenmäßigem Wohlstand zu sein. Die Antwort, die kein Politiker jemals geben wollen wird, ist simpel: Weil wir ein verselbständigtes Wirtschaftssystem haben.

 

Aufgrund von Zins und Zinseszins und der stetigen Konzentration des Vermögens auf immer weniger und immer wohlhabendere Menschen vergrößert sich die Geldmenge ständig. Ein Beispiel:

 

In einer Gemeinschaft wollen 10 Leute eine Firma gründen. Jeder nimmt einen Kredit von 100 EUR auf, wodurch die einzige Bank insgesamt 1.000 EUR verteilt. Bei angenommen Zinsen von 10% und einer Laufzeit von 1 Jahr muss jeder Kreditnehmer 110 EUR an die Bank zurückzahlen. Insgesamt müssen Schulden in Höhe von 1.100 EUR zurückgezahlt werden, obwohl lediglich 1.000 EUR im Umlauf sind. Wo kommen die restlichen 100 EUR her? Wie soll jeder Firmengründer die zusätzlichen 10 EUR Zinsen generieren? Die Antwort ist einfach: So ohne weiteres kann das nicht funktionieren. Entweder geht einer der 10 Gründer pleite, dann wäre das Geld vorhanden (und das Vermögen des Pleitegegangenen in den Händen der Bank). Oder es gibt neue Gründer, die wiederum einen Kredit aufnehmen und mit diesem frischen Kapital den Wirtschaftskreislauf aufrecht erhalten – allerdings wieder per Schulden. Insofern erscheint dies wie ein Schneeballsystem, mehr Geld gegen mehr Schulden. Und tatsächlich ist es das auch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Quelle:

http://www.finanzkrise-politik.de/finanzsystem.html

Wenn sich nun die Geldmenge aufgrund von Zins und Zinseszins prozentual selbständig erhöht, entsteht eine Exponentialkurve. Das Vermögen vermehrt sich von selbst, es wird Geld generiert, indem die Schuldner die aufgenommenen Kredite mit Zinsen bezahlen. Das bedeutet, die Geldmenge wächst, und zwar immer rasanter. Damit dieses aus dem Nichts generierte Geld nicht völlig wertlos ist, muss die Produktion ebenso steigen. Ebenso exponential! Denn mehr Geld bei gleichbleibender Produktionsmenge ist schlicht die klassische Definition von Inflation. Und daraus ergibt sich ein Grundsatz, dessen sich die meisten Menschen in diesem Land noch immer nicht bewusst sind: Geld kann nicht arbeiten! Eine Vermehrung des Geldes ohne äquivalenten Produktionszuwachs ist wertlos! Das bedeutet, alle die, die ihr Geld mit dem Ziel hoher Renditen anlegen, zwingen letztlich sich selbst und andere Menschen dazu, mehr zu arbeiten.

Wie auf der Grafik zu erkennen ist, kann die Produktion natürlich nicht exponential mit der Geldmenge mitwachsen. Das ergibt sich schon logisch: Bei gleichbleibender Leistung müsste ein Arbeiter bei einem angestrebten Wirtschaftswachstum von 3% bereits nach 8 Jahren 50 statt 40 Stunden wöchentlich arbeiten, um die Geldmenge produktiv ausgleichen zu können. Andererseits darf er auch gerne jährlich 3% mehr leisten (bei gleichbleibender Stundenzahl) oder er kann jährlich auf 3% seines Gehalts verzichten. Irgendwann ist jedoch das Ende des Möglichen erreicht, irgendwann müsste der Arbeiter mehr arbeiten, als der Tag Stunden hat, oder irgendwann tendiert das Gehalt gen Null.


Einfach formuliert: In einer endlichen Welt ist grenzenloses Wachstum nicht möglich. Nur Sigmar Gabriel versteht das nicht.

Unkontrolliertes Wachstum ist überdies unnatürlich und lebensfeindlich. Krebs ist ein gutes Beispiel dafür. Aber wenn Krebs und Sigmar Gabriel die Assoziationen sind, was sagt das dann über das Wirtschaftssystem aus…

Ein Hamsterrad namens „Wirtschaft“

Die Folgen des unkontrollierten Marktwachstums sind längst ersichtlich. Die immer höhere Verschuldung, die immer stärkere Ungleichverteilung des Vermögens hin zur vermehrten Konzentration bei den ohnehin sehr Reichen. Die nicht reiche Mehrheit muss dagegen immer mehr arbeiten, wird immer schlechter bezahlt und darf sich darüber freuen, dass der Staat sich, finanziell bedingt, mehr und mehr aus der Verantwortung stiehlt.


Eine schöne Episode dieser „Politik“, die sich dem Markt zum Fraße hinwirft, ist der Verkauf der Rente an die Versicherungskonzerne. Jahrelang fand in Deutschland die umlagefinanzierte Rente Anwendung, die sich dadurch auszeichnete, dass die aktuell arbeitende Generation einen Teil des Gehalts an die Rentner abgab. Die Anrechte darauf hatten diese sich durch jahrelange Arbeit erworben. Dieses Modell hat lange sehr gut funktioniert.


Aufgrund des demografischen Wandels, welcher zur Folge hat, dass immer weniger Arbeiter immer mehr Rentner unterstützen müssen, haben uns die Politiker eingeredet, das Modell wäre bald nicht mehr finanzierbar. Die rot-grüne Regierung unter Schröder führte daraufhin die Riester-Rente ein und legte per Gesetz fest, dass das Rentenniveau kontinuierlich sinken sollte, auf bald 43% des Durchschnittslohns für Arbeitnehmer. Somit wurde politisch die Notwendigkeit geschaffen, privat vorzusorgen. Rein zufällig wurde seinerzeit die Riester-Rente auf den Weg gebracht, so ein Glück! Die Bürger konnten nun, um die Rente später aufzubessern, Verträge mit Versicherungen abschließen. Entsprechend dem, was man monatlich einzahlte, wollte der Staat später noch etwas dazugeben. Als Zusatz zur gesetzlichen Rente sollte dies einen angenehmen Lebensabend garantieren.


Die Kritiken an der Riester-Rente sind bekannt: Sie ist nicht inflationsbereinigt und auf unrealistische Lebenserwartungen ausgelegt. Das heißt, man muss schon 110 Jahre alt werden, damit sich die Investitionen irgendwann auszahlen. Dazu ist die Rente teuer, denn Vertreter und Aktionäre wollen ja auch bezahlt werden. Insgesamt, gesetzlich erlaubt (!), darf sich die Versicherung bis zu 25%, in Worten FÜNFUNDZWANZIG PROZENT, der Einlage selbst einverleiben.


Abgesehen von der offensichtlichen Volksverarsche zeigt dieses Beispiel sehr anschaulich, wohin uns unser Wachstumszwang führt: Unsere Wirtschaft wird nur durch Investitionen am Leben erhalten. Und wenn die Menschen nicht mehr richtig investieren, vielleicht weil die meisten Menschen in unserem Land genug Zeugs haben, muss politisch nachgeholfen werden. Notfalls per Zwang! Im Falle der Riester-Rente wurden die Bürger im Grunde gezwungen, ihr Geld mehr oder weniger freiwillig am Kapitalmarkt zu investieren. Die versprochenen Renditen von 5% und mehr werden ja nicht aus dem Privatvermögen der Allianz bezahlt. Stattdessen wird das Geld angelegt, man lässt es arbeiten.


Die Riester-Rente ist pure Marktwirtschaft, erzwungene Privatisierung einer vormals öffentlichen Leistung! Ein paar Fragen:


1.    Wenn Geld nicht arbeiten kann, bedeuten dann die versprochenen Renditen nicht, dass ich als Anleger unter dem Strich selber den Mehrwert produzieren muss? Wenn ich mich aber selber zur Mehr-Arbeit zwinge, wo ist dann der Mehr-Wert? Kann es sein, dass ich mit meinem Schweiß mein Hamsterrad selber antreibe, ähnlich einer Mühle?


2.    Was glauben die Leute denn, woher der staatliche Zuschuss zur Riester-Rente kommt?! Wer oder was ist denn der Staat? Kann es vielleicht sein, dass die Bürger den Zuschuss am Ende auch selbst bezahlen?


3.    Wer glaubt eigentlich, dass die Versicherungen das monatlich eingezahlte Geld tatsächlich im Tresor horten? Das Geld wird natürlich investiert, am Aktienmarkt und im Unternehmen. Wenn der Aktienmarkt nicht mitspielt, ist das Geld futsch. Aber auch, wenn in den nächsten Jahren keine Neukunden mehr generiert werden können, wird es keine Auszahlung der Rente geben, da das Schneeballsystem zusammenbricht. Und in dem Fall gibt es 2 Möglichkeiten: Entweder, der Staat springt ein und greift den Versicherungen unter die Arme (also analog zu den Bankenrettungen), oder er übernimmt die Zahlungen gleich komplett selbst. Oder es gibt für die betroffenen Rentner einfach kein Geld. In allen Varianten: Wer zahlt die Zeche? Natürlich der Bürger!

Neues Kapital als Allheilmittel – ich kanns nicht mehr hören!

Die Ankurbelung der Wirtschaft durch künstlich geschaffene Nachfragen konnte man in Reinform auch wunderbar an der Abwrackprämie erkennen. Im Zuge der damaligen Wirtschaftskrise war dies ein Instrument gegen die Inflation – Investitionen.

 

Momentan jedoch ist es genau umgekehrt, der blöde Deutsche geht nicht mehr so gerne einkaufen. Und das, obwohl der Markt frisches Kapital braucht! Der Leitzins ist auf einem historischen Tiefstand, der Deutsche lässt sein Geld trotzdem im Sparstrumpf – Deflation. Die Experten, meist Banker und Börsenverbrecher, wissen, wie man dem beikommen kann: Die Angst der Sparer sei natürlich völlig unbegründet, es soll investiert werden. Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer begraben: Irgendwann erreicht Konsum eben auch eine natürliche Grenze, nämlich wenn die Menschen nichts Wichtiges mehr brauchen. Wir haben alle einen schicken Fernseher zu Hause, wir haben fast alle ein Auto, wir hungern in der Regel nicht. Wenn unser Wirtschaftssystem nur überleben kann, wenn wir irgendwelchen Dreck des reinen Kaufens wegen kaufen, was ist das System dann wert?

 

Wenn eine Bäckerin ein Jahr lang genug nahrhaftes und leckeres Brot backt, um das kleine Dörfchen zu ernähren, soll das im nächsten Jahr nicht mehr genug sein? Erscheint das irgendwem logisch, dass ich mein Wohlstandsniveau nur dann halten kann, wenn ich jährlich mehr esse?!

 

In dieselbe Richtung geht auch das Freihandelsabkommen mit den USA, namentlich TTIP. Es sollen, auf einen Nenner gebracht, wirtschafts- und handelsbeschränkende Rahmenbedingungen abgebaut werden, damit Umsatz und Profite steigen. Nichts anderes. Umweltauflagen, Kontrollen, gesetzliche Bestimmungen, Arbeitnehmerrechte… alles Faktoren, die die Produktion hemmen und somit das BIP absenken. Wachstum um jeden Preis! Dass Deutschland bspw. relativ gut durch die Wirtschaftskrise kommt, liegt maßgeblich an der Arbeitsmarktpolitik. Arbeitnehmer sollen möglichst flexibel und billig sein. Gute Löhne senken ganz simpel mathematisch das BIP. Da Deutschland EU-weit den größten Niedriglohnsektor hat, waren wir für die Krise gut gerüstet. Dazu die drastische Zunahme von prekären Anstellungsverhältnissen, und schon war Deutschland ein Paradies für Unternehmer. Von der Steuerbefreiung und massiven Subventionierung solcher Firmen wie zalando gar nicht zu reden. Die Berücksichtigung von gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitnehmerrechten ist doch egal, Hauptsache die Paketpacker sind von der Straße weg!

…und wir glauben diesen Scheiß auch noch!

All das ist inzwischen so offensichtlich und in seiner Vorhersehbarkeit fast schon ermüdend, dass nur eine Frage offenbleibt: Warum machen wir das mit? Warum wählen wir die Regierungen, die uns die Renten völlig grundlos wegnehmen und uns in die Fangarme der Versicherungen treiben? Warum unterstützen wir Parteien, die kein Geld für Bildung vorsehen, aber immer wieder stolz neue Rüstungsdeals verkünden, obwohl wir überhaupt nicht im Krieg sind? Warum vertrauen wir unsere Wählerstimmen Politikern an, die das Handeln des Großkapitalismus unterstützen, indem diese die Verluste von Banken übernehmen und damit auf die Steuerzahler übertragen? Wieso schenken wir sogenannten Experten aus Bundestagsausschüssen und Arbeitsgruppen Glauben, wenn die uns erzählen, dass staatliche Leistungen der Daseinsfürsorge von der Privatwirtschaft besser gestellt werden können, obwohl diese Unternehmen zwangsläufig nur auf Gewinn aus sind? Das kann doch gar nicht so sein, niemals!!!

 

Aber man kann ja angeblich nichts machen… Wieso nicht? Wieso haben denn immer alle Angst vor einem Crash und einem Neuanfang? Der Crash ist vorprogrammiert. Es hat sich nach der Finanzkrise nichts verbessert. Im Gegenteil, die Blase wächst schon wieder mit voller Kraft. Und sie wird erneut platzen. Wir haben überhaupt nichts kapiert…

 

Es ist Fakt, dass unser derzeitiges Wirtschaftssystem eine Einbahnstraße und Sackgasse zugleich ist. Rein logisch kann diese Geschichte kein anderes Ende nehmen als einen vollständigen Zusammenbruch. In der Vergangenheit hat es das vermutlich nur aus einem Grund nicht isoliert gegeben: Krieg! Ein Krieg hat die Wirtschaftsverhältnisse neu geordnet. Währungsreformen konnten durchgesetzt werden, Inflationen brachen aus. Aber das alles wurde eben dem Krieg angelastet mit der Folge, dass die Menschen nach Kriegsende trotz guter Ausbildung sprichwörtlich für eine Handvoll Bohnen gearbeitet haben – gute Arbeit für niedrige Löhne sind von unschätzbarem Wert für das BIP, es folgte Wirtschaftswachstum. So geschehen beim angeblichen Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg. Der fatale Fehler lag darin, eben nicht das Wirtschaftssystem infrage zu stellen.

Todsünde Trägheit – schon wieder

In der Geschichte der Menschheit wurden mannigfaltige Umbrüche bewältigt. Himmelschreiende Ungerechtigkeiten wie Sklavenhandel, Unterdrückung, Ausbeutung von Menschen konnten teilweise überwunden werden. Demokratische Ideen setzten sich durch, gewaltenteilende politische Systeme wurden installiert. Menschenrechte wurden die Basis von Verfassungen, Meinungsfreiheit gilt inzwischen als selbstverständlich – zumindest bei uns. Die Gesellschaften vergangener Jahrhunderte konnten trotz schwacher Bildung, tlw. ohne politische Einflussmöglichkeiten und ganz ohne Internet Missstände überwinden, die über Generationen vorgeherrscht haben.

 

Aber wir können ein Wirtschaftssystem nicht ändern, obwohl die meisten von uns abgesichert sind, obwohl wir uns alle frei informieren und schlau machen können? Obwohl wir regelmäßig wählen können, und zwar im Geschäft und an der Urne? Die derzeitigen wirtschaftlichen Entwicklungen offenbaren zum Einen, wie peinlich dumm und träge wir alle sind. Wir stehen tatsächlich rum wie das Schwein beim Schlachter, und lassen es geschehen. Zum Anderen zeugen die Entwicklungen auch von der unfassbar dreisten Verlogenheit und Käuflichkeit unserer Politiker. Aber ein Volk bekommt eben die Volksvertreter, die es verdient. Da derlei Zustände mit einer intakten Demokratie nur schwer vereinbar sind, haben wir folgerichtig auch keine.

 

Und dennoch: Ich weigere mich zu glauben, dass eine Änderung nicht möglich sein soll. Wer sich mit den Gegebenheiten arrangiert, akzeptiert letztlich die Ungerechtigkeiten unserer Welt. Natürlich werden wir nicht alle beheben können, aber wir müssen es doch versuchen! Wer nichts unternimmt, segnet schließlich ab, dass es vielen Menschen schlecht gehen muss, damit es einige schön warm haben. Der erklärt sich einverstanden damit, dass letztlich nur der Zufall der Geburt über ein sorgenfreies Leben oder ein Dasein ohne Hoffnung auf Besserung entscheidet, und nicht das Talent und der Fleiß eines Menschen. Der legitimiert indirekt die herrschende Klasse, die arbeitende Klasse arbeiten zu lassen. Wer nicht kritisiert, erklärt sich einverstanden mit allen Ungerechtigkeiten, die das Wirtschaftssystem mit sich bringt. Der gibt sich auf.

 

Derjenige wird das Phantom des Wohlstands auch weiterhin jagen, ohne zu verstehen, dass genau dies der Grund ist, weshalb er überhaupt so hetzen muss. Denn Wohlstand gibt es hierzulande mehr als genug. Wir müssen nicht mehr wachsen, wir müssen endlich lernen. Wir müssen lernen zu verzichten, um ein Mehr an Solidarität und Gerechtigkeit zu erhalten. Wir müssen lernen, dass ständiges Wirtschaftswachstum genau das kaputt macht, was ursprünglich mal der Sinn des Zusammenschlusses von Menschen zu Gemeinschaften war. Der Mensch als soziales Wesen sollte nach dem Miteinander deutlich entschlossener streben als nach dem Gegeneinander.

 

Es gibt sehr gute Argumente für Veränderungen, warum sollen diese partout nicht greifen?

Wirtschaft als rohes Ei – wer hat sich hier nach wem zu richten?

Kanzlerin Merkel spricht gar von „marktkonformer Demokratie“. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Unsere Demokratie hat sich den Gesetzen des Marktes unterzuordnen. Wer so ein Verständnis von Politik und Wirtschaft hat, darf Kanzlerin spielen? Dieser Ausspruch symbolisiert die endgültige Kapitulation vor dem Kapitalismus.


Der Markt indes ist doch keine schützenswerte Vogelart. Er ist ein Konstrukt, vom Menschen geschaffen. Der Markt hat keine Seele und verdient kein Mitleid. Er hat einzig dem Menschen zu dienen, und wenn die Nachteile die Vorteile überwiegen, gehört er abgeschafft. Es zeugt nicht nur von fragwürdigen Werten, sondern auch von einem ordentlichen Mangel an Intelligenz, wenn man die Auffassung vertritt, irgendwas oder irgendwer müsse sich dem Markt unterordnen. Wenn das, was sich anpassen muss, dann auch noch der Mensch an sich ist und im weiteren Sinne die Demokratie, die ihres Zeichens rein idealistisch eine der tollsten Errungenschaften menschlichen Zusammenlebens überhaupt ist, hat man etwas grundlegend nicht verstanden.


Trotz dessen ist es Realität: Der Markt dient nicht uns, sondern wir dienen dem Markt. Aber solange Banken weiterhin ungestraft Werbung für Konten mit besonders hohen Zinsen machen können, ist keine Besserung in Sicht.

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