Lesen bildet?!

Wer hin und wieder mal die Nachrichten verfolgt, muss sich doch unweigerlich fragen, wann endlich das Abendland untergeht! Was einem da zeitweise aufgetischt wird, hat mit Demokratie, Transparenz und einem mündigen Volk nichts mehr zu tun. Die heutigen Schlagzeilen der Startseite, die SPON der Bevölkerung mitteilte:

Bundeswehr: Die bewaffneten Drohnen kommen

Hurra, endlich wird der Begriff „Krieg spielen“ wörtlich genommen! Vermutlich um der unglaublich gefährlichen Computerspielsucht entgegenzuwirken, hat das Verteidigungsministerium unter Leitung der eisernen Ursula bekannt gegeben, dass Deutschland in Verbund mit Frankreich und Italien eine bewaffnete Kampfdrohne entwickeln will. Kostenprognosen sind bislang nicht möglich, denn erst in einem nächsten Schritt soll mittels „Definitionsstudie“ ermittelt werden, was die Drohne technisch alles ermöglichen soll. Vielleicht töten? Müssen die schlauen Köpfe aber erst noch herausfinden.

Angesichts des Zeitdrucks ist ein schnelles Vorgehen jedoch dringend geboten, denn wir befinden uns im Krieg. Die Polen schwimmen dieser Stunden durch die Oder, und die Belgier haben bereits die ersten Waffelläden in Köln eingenommen – Gefahr von allen Seiten!


Da helfen nur Kampfdrohnen, die durch Online-Spieler gezielt auf eine Handvoll der Millionen Soldaten ausgerichtet werden. Dadurch wird der Invasion mit Sicherheit Einhalt geboten. Auf die G36-Gewehre ist ja kein Verlass mehr…


Für die Zeit des „Einsatzes“ sollen sodann sämtliche Online-Plattformen von Ego Shootern geschlossen werden, damit die Spieler (also die mutigen Soldaten) auch den Kopf frei haben, anonym und vom Heim-PC aus Menschenleben per Mausklick auszulöschen. Insofern hat Ministerin von der Leyen hier ein beeindruckendes Paket geschnürt: Die familienfreundliche Bundeswehr ist mit der Kampfdrohne sehr gut vereinbar. Diesen Job können zweifellos auch Frauen verrichten, da körperliche Kraft kein Faktor mehr ist. Dazu sind auch häufig geforderte Flexibilisierungen der Arbeitswelt mit inbegriffen: Heimarbeit, flexible Arbeitszeit, keine langen Dienstreisen. Während frau über das Headset die Koordinaten der nächsten Ziele empfängt, kann das Kind noch bequem gewickelt werden – so sieht eine moderne Armee aus!


Auch bei Auslandseinsätzen, die natürlich rein friedenssichernd und –erhaltend sind, wird die bewaffnete Drohne ein voller Erfolg werden. Es werden damit genau die Terroristen zur Strecke gebracht, die in den vergangenen Jahren von der CIA ausgebildet wurden und an die wir unsere Waffen verkauft haben (das funktionsuntaugliche G36). Angenehmer Mitnahmeeffekt: Die Anzahl der Terroristen wird sich auch bei hoher Trefferquote nicht reduzieren, da die ständige Bedrohung durch Drohnen einer der Hauptanwerbegründe der separaten terroristischen Gruppierungen ist, um verwirrte Zugelaufene von ihrem Vorhaben zu überzeugen.


Die Kampfdrohne als Investition und Feindaquise – mit Sicherheit von der Leyens Meisterstück als Verteidigungsministerin. Bisher.

Konjunktur: Zahl der Arbeitslosen sinkt unter Drei-Millionen-Marke

Endlich mal wieder eine geschönte Statistik der Bundesregierung, gab es ja lange nicht. Wie schön es sei, dass die Konjunktur anziehe und die Wirtschaft wachse, onaniert SPON vor sich hin. Die Aussagekraft dieser Statistik tendiert gegen Null, aber alle freuen sich. Vor allem unsere Kanzlerin.

Dabei beinhaltet dieser Wert nicht die Menschen, die in irgendwelchen Umschulungen stecken, nicht die am Stichtag der Erhebung Kranken, nicht die über 55-jährigen. Ebenso wenig werden alle die Arbeitnehmer berücksichtigt, die 1-Euro-Jobs nachgehen, die aufstocken müssen. Vom Niedriglohnsektor insgesamt ganz zu schweigen.


Aber warum feiern immer alle so, wenn die Arbeitslosenzahlen runtergehen? Was sagt das denn eigentlich aus? Sicher ist es von Vorteil, wenn viele Menschen einen Job haben. Aber das ist doch allenfalls die halbe Wahrheit. Warum wird stets vermieden zu hinterfragen, ob diese Menschen auch von diesem Job leben können? Oder langfristig planen, fürs Alter sparen können? Während in Deutschland seit Jahren die Arbeitslosenquote fällt, steigt der Anteil prekärer Beschäftigungsverhältnisse, speziell unter jungen Menschen. Viele der geschaffenen Arbeitsplätze sind saisonal bedingt, also für die Beschäftigten nur von übersichtlichem Vorteil. Zusätzlich erfolgen viele Einstellungen aufgrund von steuerlichen Subventionen für die Unternehmen, welche die Mitarbeiter dann auch exakt so lange einstellen, wie die Förderung läuft. Im Grunde bezahlt der Staat hier seine Arbeitslosen 1. selbst und 2. besser als per ALG I oder ALG II. Kunststück. Sieht so nachhaltige Politik aus?


Und warum drehen immer alle beim Begriff „Wirtschaftswachstum“ durch? Brauchen wir von allem noch mehr? Müssen wir ständig mehr produzieren und folglich konsumieren? Die Menschen im Niedriglohnsektor, die diesen Produktionszuwachs erarbeiten, haben von einer anziehenden Konjunktur nicht viel. Und die Unternehmen, welche die Gewinne einfahren, versteuern diese im Ausland. Sieht so nachhaltige Politik aus?


Deutschland hat aktuell eine Arbeitslosenquote von 7% und im Jahr 2014 ein Wirtschaftswachstum von 1,6% (2013 von 0,1%, 2012 von 0,4%, 2011 von 3,6% und 2010 von 4,1%). Das ist Wohlstand.

Zum Vergleich: Bangladesch hat eine Arbeitslosenquote von 5% und kann auf ein Wirtschaftswachstum von 5-6% verweisen. Jährlich. Seit 10 Jahren!


Ganz offenbar sind derlei Zahlen in ihrer Aussagekraft recht beschränkt, wenn es um gleichwertige Lebensverhältnisse, Wohlstand und Zukunftssicherheit geht. Oder warum zieht es nicht täglich Abertausende Deutsche in das gelobte Milch- und Honigland Bangladesch? Wo die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosenquote gering ist. Wo unnütze Bürokratie ganz sicher nicht zu finden ist, und wo man auch keine Angst vor zugereisten Syrern haben muss… Wo sind die Massen auf der Suche nach einem besseren Leben? Hält uns wirklich nur noch der Pilotenstreik als Volk zusammen?

Forsa-Umfrage: Gute Werte für „Kümmer-Kanzlerin“ Merkel

Die Union konnte, weil unsere Kanzlerin bezüglich des Flugzeugsabsturzes in den Alpen medienwirksam Betroffenheit suggerierte, in den Umfragen einen Prozentpunkt zulegen. Bei der personengebundenen Kanzlerpräferenz legte Merkel gar 2 Punkte zu und liegt jetzt bei 61 Prozent (Gabriel kommt auf 13%).

 

Toll, was unsere Bürger so von der Politik erwarten. Hunderte Millionen Euro schwere Rüstungsvorhaben werden hinter verschlossenen Türen abgenickt. Statistiken werden von der Bundesregierung bewusst verfälscht, um die Bevölkerung zu verarschen. Und die Frau, die diese „Politik“ seit Jahren zu verantworten hat, wird immer beliebter, weil sie um tote Flugpassagiere trauert.

 

Das alles wird kritik- und bedenkenlos in einem Abwasch journalistisch verkündet. Nicht, dass SPON nun besonders anspruchsvollen und investigativen Journalismus verspricht. Es ist eher umgekehrt alarmierend, dass die Macher unseres Landes bei derlei Berichterstattung eben nicht befürchten müssen, augenblicklich aus ihren Ämtern demonstriert zu werden.

 

Demokratie funktioniert nur mit einem mündigen Volk. Wenn man sich anschaut, was in unserem Land ungestraft berichtet werden kann, sind wir davon Lichtjahre entfernt.

 

 

 

Ich will nicht mehr.

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Kommentare: 4
  • #1

    fetteSauvomORB (Montag, 20 April 2015 14:57)

    Klingt aber jetzt eher nach allgemeinem Gemaule. Wo kann sich denn der Durchschnittsdeutsche informieren, wenn er den Medien nicht mehr vertrauen kann? Was kann die Minderheit dieser Deutschen, die sich an diesen Dingen stören tun, um es besser zu machen?

  • #2

    Heinz (Dienstag, 21 April 2015 17:16)

    Natürlich ist es Gemaule- das ist doch der Sinn dieser Seite.

    Es geht hierbei nicht speziell um Medienkritik. Die SPON-Artikel sind inhaltlich nicht grundlegend falsch. Stattdessen zeichnen sie ein schönes Bild dessen, wie wir politische Entwicklungen wahrnehmen und entsprechend als Volk werten bzw. mittels Wahl sanktionieren, oder eben nicht.

    Ein Land, welches verfassungsgemäß eine reine Verteidigungsarmee haben darf, investiert massiv in Rüstungsprojekte, die mit Landesverteidigung nur schwer vereinbar sind. Dass bewaffnete Drohnen eher der Aufklärung und ggf. gezielten Tötung von Feinden dienen anstelle der Abwehr eines einmarschierenden Heeres, ist logisch - und deshalb ist diese Nachricht äußerst kritisch zu werten. Ganz zu schweigen davon, dass das Geld an anderer Stelle dringend gebraucht wird.
    Die Beurteilung, dass die Zahlen der Arbeitslosenstatistiken "geschönt" sind, um es defensiv zu formulieren, habe ich tatsächlich als bekannt vorausgesetzt.

    Am selben Tag wird sodann gemeldet, dass die Kanzlerin immer beliebter wird. Und warum? Wegen der Trauer um Flugzeugopfer. Jeder normale Mensch bedauert dieses Unglück.
    Das Beteuern und öffentliche Zeigen der Trauer ist in meinen Augen nicht mal politisch - es ist 1. selbstverständlich und 2. keine Leistung.

    Das Problem ist die Wertung all dieser Nachrichten seitens der Bevölkerung: Unpolitische Selbstverständlichkeiten werden honoriert, während politische Fehlentwicklungen nicht sanktioniert, gar noch nicht mal sonderlich kritisch aufgenommen werden. Das Charisma und medienwirksame Auftritte haben mehr Gewicht als die gesteuerte Politik.

    Um dies im Zusammenhang zu sehen und gegeneinander abzuwägen, bedarf es nach meiner Meinung keiner aufwändigen Recherchen in Archiven.

  • #3

    fetteSauvomORB (Freitag, 24 April 2015 12:24)

    Beantwortet aber auch nicht meine anderen Fragen?

    Vojelbeen.

  • #4

    Heinz (Montag, 27 April 2015 11:33)

    So ist richtig, du musst sofort persönlich werden + Schimpfwort ;-)

    "Wo kann sich denn der Durchschnittsdeutsche informieren, wenn er den Medien nicht mehr vertrauen kann?"
    Ich weiß nicht, ob man den Medien generell nicht (mehr) vertrauen kann. Hinter jedem Artikel steckt ein Autor mit einer Meinung, hinter jeder Zeitung ein Unternehmer. Objektivität ist ein Ideal, nach dem man streben sollte, welches jedoch (außer auf diesem blog selbstverständlich) nicht erreicht werden wird.
    Insofern halte ich es für sinnvoll, möglichst breit gefächert zu lesen:
    süddeutsche, faz, welt, taz usw. die großen Zeitungen halt.
    Zusätzlich empfehle ich "kleinere" Blogs, die stets eine gewisse Gegenansicht offerieren: Der Freitag, neopresse, querschüsse finde ich ganz gut. Für alternative Anstöße ist auch die Denkmanufaktur interessant.

    In Videoform: Meiner Meinung nach unverzichtbar: Die Anstalt auf ZDF. Aber auch Frontal21, extra3 u.v.m. haben z.T. gut recherchierte Beiträge.
    Und man kann hin und wieder bei YouTube einfach mal Politikbegriffe eingeben - oft findet man diverse Dokus zu den Themen.

    Wenn man sich zu einem Thema auf verschiedenen Wegen informiert, erhält man oftmals ein passables Gesamtbild, und es fallen einem schnell Ungereimtheiten auf.

    "Was kann die Minderheit dieser Deutschen, die sich an diesen Dingen stören tun, um es besser zu machen? "
    Aufklären. Und das passiert auch tatsächlich recht häufig, siehe bspw. o.g. blog-Vorschläge. Aber die Adressaten müssen sich schon ein wenig aktivieren.

    Grundsätzlich bin ich überzeugt davon, dass Demokratien und deren Politiker so gut und nützlich sind, wie das sie kontrollierende Wählervolk. Und dieses widerum lebt von Bildung.

    Ein gebildetes und informiertes Volk zwingt die Gewählten ganz automatisch zu "guter" Politik, denn letztlich wollen Politiker nichts mehr als wiedergewählt zu werden. Welches Produkt die anbieten, ist denen letztlich egal, solange es sich verkauft.