Patriotismus und Religion – Wenn Gruppenzugehörigkeit das selbständige Denken ablöst

Nationalstolz ist wieder „in“. Spätestens seit der WM 2006 dürfen wir endlich wieder deutsche Fahnen an unsere Balkons hängen, ohne sofort auf das Heftigste mit der Nazikeule verdroschen zu werden. Dabei war Patriotismus hierzulande jahrelang verpönt, kaum ein Thema (abgesehen von Gendermainstream) ist derart emotional behaftet und wird entsprechend politisch korrekt diskutiert. Dürfen wir als NS-Enkel stolz auf unser Land sein? Praktizieren Länder wie Frankreich oder die USA ihre Liebe zum eigenen Land nicht sehr viel konsequenter? Aber inmitten der ganzen Phrasendrescherei wird die entscheidende Frage irritierenderweise gar nicht gestellt: Wozu ist Patriotismus eigentlich gut? Die äußerst hörbare Band Kraftklub hat sich diesem Punkt in ihrem Song „Schüsse in die Luft“ bereits ganz passabel angenähert: „Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nix kannst, dann sei doch einfach stolz auf dein Land.“

PEGIDA als Ausdruck von Nationalismus?

Nationalstolz ist in Deutschland allzeit ein heikles Thema. So richtig wohl fühlen sich viele Nationalisten in ihrer Haut noch immer nicht. Dabei sind die meisten Deutschen allenfalls harmlose Sympathisanten, aber keinesfalls echte Patrioten. Man drückt deutschen Sportlern die Daumen, trinkt nur deutsches Bier, fährt deutsche Autos (wer es sich leisten kann). Auf der anderen Seite ist der Fernseher von Samsung und das Handy von apple. Die Zigaretten kommen aus Polen, die Sneakers von Nike aus Bangladesch und das Steak aus Argentinien. Steuerhinterziehung ist deutscher Volkssport und es soll sogar latente Nazis geben, die ihre Kinder Chantal und Ryan-William nennen. So weit, so lustig.


Es ist offensichtlich, dass sich der deutsche Nationalstolz eher im verbal geäußerten Ideal denn im täglichen Konsumverhalten finden lässt. Genau so, wie wir gemeinsam Spiele der Nationalmannschaft auf der Fanmeile bejubeln, gehen wir, des Happenings wegen, gemeinsam gegen die Islamisierung des Abendlandes auf die Straße. Danach noch mit der Clique auf einen Dürüm am Hauptbahnhof.

Wenn sich diffuse Zukunftsängste (die berechtigt sind!) in Form von Fremdenfeindlichkeit äußern, ist das kein Zeichen von Rassismus, sondern von Ratlosigkeit. Einerseits wissen es viele nicht besser und werden auch von den Politikern gerne in ihrem Glauben gelassen. Andererseits ist es ein erwiesenes soziologisches Phänomen, dass sich von staatlichen Leistungen Abhängige tendenziell stärker gegen Immigranten und fremde Einflüsse wehren, insbesondere in heterogenen Gesellschaften. Es geht weniger um die Angst vor Fremdem als vielmehr um die Befürchtung vor abnehmendem Wohlstand. Die Menschen haben schlicht Angst, dass ihr Stück vom Kuchen geringer ausfallen könnte, und angesichts der Renten- und Arbeitsmarktpolitik in unserem Land ist diese Angst gänzlich gerechtfertigt. Dass allerdings deutsche Politiker anstelle von syrischen Flüchtlingen diesen Missstand herbeigeführt haben, bleibt nur zu gerne unerwähnt.


Der Mensch als Herdentier

Und so lässt sich anhand der PEGIDA – Bewegung anschaulich nachvollziehen, was das eigentliche Problem ist: kollektive Identitäten. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen, er braucht seine Rolle innerhalb einer Gemeinschaft. Jeder von uns strebt grundsätzlich nach Teilnahme und Akzeptanz. Menschen haben sich seit jeher in gleichgesinnten Gruppen arrangiert, sich angepasst, emanzipiert oder andernfalls ausgeschlossen gefühlt. Zu allen Zeiten haben Menschen Ziele lieber gemeinsam verfolgt.


Unsere gesamte Umwelt ist in Gruppen aufgeteilt. Wir haben ein Parteiensystem, gehören teilweise einer Religion an, vertreiben uns in Vereinen die Freizeit und wählen unsere Freunde anhand gemeinsamer Interessen. An Schulen, Unis und häufig auch Arbeitsstätten bilden sich Cliquen. Sympathien oder Antipathien für den Gegenüber ergeben sich daraus, welche Bundesligamannschaft er unterstützt. Und auch wirtschaftliche Faktoren bestimmen unseren Umgang und sorgen für trennscharfe Spaltungslinien der Gesellschaft, bspw. wenn sich Reiche lieber mit anderen Wohlhabenden umgeben. Gleich und gleich gesellt sich gern.


Einhergehend mit der wohligen sozialen Wärme, welche sich für den Einzelnen aus der Gruppenzugehörigkeit ergibt, entstehen auf der anderen Seite jedoch auch Gefahren. Es waren auch stets gruppendynamische Prozesse, die kriminelle Handlungen und Elend weltweit erst ermöglicht haben. Dazu zählen grundsätzlich Kriege zwischen Staaten bzw. Gesellschaften, die es seit Menschheitsbeginn gibt, ebenso alle gemeinschaftlich durchgeführten Verbrechen im Rahmen der Religionen wie bspw. Missionierungen, Kreuzzüge, Steinigungen etc. Auch rassistisch wie ethnisch motivierte Handlungen, wie es sie zum Beispiel im Rahmen der amerikanischen Sklaverei gab, fallen hierunter.


Wenn Menschen nicht als Einzelperson, sondern als Gruppe agieren, verändern sich Verhaltens- und Denkmuster. Auf einige Besonderheiten, welche in Experimenten beobachtet werden konnten, sei im Folgenden aufmerksam gemacht.


Der non-helping-bystander-Effekt

Eine der bekanntesten Eigentümlichkeiten menschlichen Verhaltens ist der non-helping bystander-Effekt. Dieser bezeichnet das Phänomen, dass mit der Anwesenheit mehrerer Menschen an einem Unfall- bzw.Verbrechensort zum Zeitpunkt der Tat die Wahrscheinlichkeit einer Hilfeleistung nicht etwa steigt, sondern sinkt. Das bedeutet, je mehr Personen Augenzeugen bspw. eines tätlichen Übergriffs sind (z.B. in einer Fußgängerzone), desto geringer ist die Chance, dass einer von ihnen eingreift. Als Gründe für die Passivität der Zeugen werden „Verantwortungsdiffusion“ und „pluralistische Ignoranz“ vermutet.

 

„Verantwortungsdiffusion bedeutet, dass sich der potentielle Täter durch die Anwesenheit der anderen Zuschauer („Bystander“) weniger oder gar nicht verantwortlich fühlt. Er weist die Verantwortung (bewusst oder unbewusst) von sich („Warum gerade ich?“) und beruhigt(„neutralisiert“) das eigene Gewissen („soziale Erleichterung“), indem er sich sagt, dass auch die anderen Beobachter in der Not-situation eingreifen könnten. Außerdem wird durch die erlebte Passivität dieser anderen Zuschauer, nämlich durch deren scheinbare Gleichgültigkeit oft die Ernsthaftigkeit der Notsituation herunter-gespielt: sog. pluralistische Ignoranz.“

 

(Quelle:Schwind, H.-D. (2005): Unterlassene Hilfeleistung in verschiedenen öffentlichen Bereichen. In: Kerner, H.-J.; Marks, E. (Hrsg.): Internetdokumentation Deutscher Präventionstag. Hannover.; Papier kann als pdf heruntergeladen werden auf: http://www.praeventionstag.de/nano.cms/dokumentation/details/122)

Der bystander-Effekt bezeichnet letztlich die Eigenschaft von Menschen, welche Zeuge eines Verbrechens werden, nicht blindlings einzugreifen und zu helfen, sondern die Kosten und Nutzen einer Intervention abzuwägen. In derlei Hinsicht sind die meisten potenziellen Retter in der Not zuvorderst pragmatische Denker anstatt heißblütige Gerechtigkeitsfanatiker. Dieser Hang zur Passivität und Opportunität dürfte besonders bei kollektiv verübten Verbrechen ein beherztes Eingreifen verhindern, denn allein die potenziellen Folgen könnten für den Retter verheerend sein, weswegen aus (tlw. nachvollziehbarem) Eigenschutz oftmals keine Hilfe zu erwarten ist.

Theorie zur Vermeidung kognitiver Dissonanz

Hinzu kommt ein Denkprozess, der in der Wissenschaft als „Theorie zur Vermeidung kognitiver Dissonanz“ bekannt ist. Diese Theorie besagt, dass bei widersprüchlichen Informationen kognitive Dissonanzen entstehen, welche jedoch vermieden oder zumindest reduziert werden sollen. Dies geschieht durch (1) Leugnen der Informationen, durch (2)Änderung des Verhaltens oder der Einstellung oder aber durch (3) die Beschaffung weiterer Informationen, die die Diskrepanz der ursprünglichen Informationen relativieren. Bezogen auf das Beispiel eines „bystanders“ bedeutet dies, dass der Passant sich (sobald er die Gefahrensituation erkannt hat) in einer kognitiven Zwickmühle befindet: Eigentlich müsste geholfen werden, aber es tut keiner.

Der sich daraus ergebende innere Konflikt kann demnach wie folgt bekämpft werden:

 

(1) die Situation wird in ihrer Gefahr geleugnet (siehe oben pluralistische Ignoranz),

(2) man greift ein,

(3) man verschafft sich relativierende, konflikt-auflösende Informationen (z.B. könnte das Opfer es ja „verdient“ haben, weil es selbst kriminell ist o.ä.).

 

Ist das kriminelle Handeln kollektiv vorgetragen, kann noch eine weitere Relativierung hinzukommen, nämlich eine gesellschaftlich veränderte Moralauffassung. Bei religiös verübten Verbrechen wie Hexenverbrennungen oder Steinigungen, welche barbarische Strafen für„Verfehlungen“ darstellen, die in unseren Breitengraden überwiegend als solche gar nicht (mehr) wahrgenommen werden, handelt es sich in den Augen der bystander um keine Verbrechen – die moralischen Vorstellungen werden schlicht geteilt, weil längst eine Identifikation mit den gelebten Werten erfolgt ist, oder aber mindestens eine Akzeptanz dieser.

Das Milgram-Experiment

Eines der bekanntesten Experimente der Psychologie ist das Milgram-Experiment von Stanley Milgram aus dem Jahr 1961. Es sollte den Probanden eine Untersuchung zum Zusammenhang von Lernerfolg und Bestrafung suggerieren, um tatsächlich zu testen, wie weit ein Mensch, entgegen seines eigenen Gewissens, zu gehen bereit ist.


Die Probanden wurden als Lehrer „gelost“ (die Auswahl wurde als willkürlich dargestellt), um einem weiteren vermeintlichen Versuchsteilnehmer im Nebenraum einfache Fragen zu stellen. Bei falschen Antworten sollten die Lehrer dem „Schüler“ Stromstöße verabreichen, wobei die Spannung der Stromstöße mit jeder falschen Antwort bis schließlich 450 Volt erhöht wurde. Die Probanden waren zusammen mit dem Versuchsleiter, welcher das Experiment beaufsichtigte und Anweisungen gab, in einem Raum untergebracht, welcher direkt neben dem Raum des Schülers lag. In Wirklichkeit waren alle Personen außer des Probanden, der den Lehrer und gleichzeitig Bestrafenden spielte, eingeweiht. Die Stromstöße an den Schüler erfolgten nicht tatsächlich, sondern wurden fingiert. Nach einem bestimmten Schema sollte der Schüler je nach Stromstärke Schmerzen und Abbruchwunsch bezüglich des Experiments vortäuschen. Der eigentliche Proband (der Lehrer) wurde im Glauben gelassen, die Stromstöße an den Schüler seien echt.


Das Experiment erlangte wegen seines erschreckenden Resultats große Bekanntheit. Von den 40 Teilnehmern gingen tatsächlich 26 bis zur Maximalgrenze von 450 Volt. 14 Teilnehmer brachen das Experiment vorzeitig ab, die ersten 5 jedoch auch erst bei 300 Volt! Beachtlich ist, dass den Teilnehmern offenkundig unwohl war und sie die Durchführung des Experiments auch nicht für richtig hielten. Doch trotz der Bedenken führten sie die Anweisungen des Versuchsleiters aus. Prof. Milgram kam zu dem Ergebnis, dass Menschen Gehorsam über ihr Gewissen stellen.


Hintergrund dieses Versuchs war die Frage, wie die grausamen Verbrechen des Nationalsozialismus in Deutschland 1933 bis 1945 möglich waren. Als eine Kernbegründung wird der Drang des Menschen zum Gehorsam angesehen, denn auch wenn es die kranken Ideen eines Einzelnen waren, so bedurfte es für deren Realisierung der Mitwirkung unzähliger Mitmenschen.


Das Milgram-Experiment zeigt deutlich den Willen des Menschen auf, in einem bestehenden sozialen System agieren zu können, selbst dann, wenn einzelne Einstellungen und Vorgehen nicht mit den eigenen Vorstellungen vereinbar sind. Vor diesem Hintergrund erscheint es umso gefährlicher, dass so ziemlich alle sozialen Systeme hierarchisch organisiert sind. Dass Menschen grundsätzlich klare Aufgaben und Funktionen innerhalb einer Gemeinschaft übernehmen müssen um sich als Individuum zurechtfinden zu können, kann stets beobachtet werden und besitzt auch wissenschaftliche Gültigkeit.

Weitere Informationen zum Milgram-Experiment können auf

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/34842

eingesehen werden. Ebenso sind auf der website weiterführende links angegeben, inkl. des Verweises auf das Original-Papier zum Versuch 1961.

Auch auf youtube lassen sich diverse Videos finden.

Risky-shift (Risikoschub-Phänomen)

1965 schlug ein Versuch im Rahmen einer Magisterarbeit hohe Wellen. J.A.F Stoner untersuchte, ob es hinsichtlich der Risikobereitschaft Unterschiede zwischen Individual- und Gruppenentscheidungen geben würde. Anhand von Fragebögen wurden den Teilnehmern Situationen vorgestellt, in welchen diese das Risiko der vorgegeben Alternativen bewerten und sich sodann zu einer Entscheidung durchringen sollten. Diese Fragebögen sollten die Probanden zuerst allein und später in der Gruppe beantworten.


Im Ergebnis wurde festgestellt, dass die in der Gruppe getroffenen Entscheidungen merklich riskanter waren, die Gruppendiskussion führte zu einem Risikoschub. Menschen tendieren in Gruppen demnach zu Entscheidungen, welche ein vergleichbar höheres Risiko beinhalten. Als ein wesentlicher Faktor für dieses Verhalten wird Verantwortungsdiffusion angeführt (s.a. bystander-Effekt).


Das Risikoschub-Phänomen kann bspw. hier nachgelesen werden:

http://psychologie.fernuni-hagen.de/Lernportal/Externe_Materialien/Doering-Seipel_Experimente/exp/risky.html

Das Konformitätsexperiment nach Asch

Der Psychologe Salomon Asch führte 1951 ein eigentlich simples Experiment durch, bei welchem die Probanden lediglich Auskunft darüber geben mussten, welche von 3 verschiedenen Linien auf einer Karte der Länge einer Linie auf einer anderen Karte entspricht – Kindergarten-Niveau:

Wenig verwunderlich stellten diese Aufgaben die Probanden in den Einzeltests vor keine großen Probleme. Der eigentliche Test begann erst, als die Probanden in 7er-Gruppen diese Aufgaben nochmals lösen sollten. Von den 7 Personen waren 6 eingeweiht, während die 7. die eigentliche Testperson war. In ausgewählten Fällen gaben die Eingeweihten nun offensichtlich falsche Antworten, was zu dem erstaunlichen Ergebnis führte, dass sich auch die 7. Person der Mehrheitsmeinung anschloss. Dieses Phänomen, wonach sich Menschen in einer Gruppe der Mehrheitsmeinung (auch bei offenkundigem Irren) anschließen, nennt man auch „Asch-Effekt“.


Interessant ist, dass die Gründe für die Konformität variieren können. Die meisten glaubten, ob der Mehrheitsmeinung, ihrem eigenen Urteil nicht mehr, weswegen die Unsicherheit dazu führte, dass die Meinung der anderen Gruppenmitglieder übernommen wurde. Andere hingegen blieben trotz „Gegenwindes“ bei ihrer Meinung, wollten aber den offenen Konflikt vermeiden. Und bei einigen schließlich änderte sich die Wahrnehmung wirklich.


Als Ergebnis des Experiments bleibt festzuhalten, dass Gruppendruck jedenfalls Reaktionen erzeugt, auch wenn diese unterschiedlich ausfallen können. Weitere Informationen zum Konformitätsexperiment gibt es hier:

http://www.bpb.de/lernen/unterrichten/grafstat/46346/info-02-02-konformitaetsexperiment-nach-asch-1951

„Wir“ und „Die“

Der Mensch als soziales Wesen kommt am liebsten in Gruppen daher. Wenn Menschen in Gruppen agieren, entwickeln sie auch ein Gemeinschaftsgefühl, welches im weiteren Sinne als kollektive Identität bezeichnet werden kann. Kollektive Identitäten sind letztlich Ausdruck eines mehr oder weniger gefestigten „Wir-Gefühls“. Doch wenn es ein „Wir“ gibt, gibt es immer auch ein „Die“, bezogen auf alle außenstehenden Nicht-Gruppen-Mitglieder.


Zweifelsohne liegt im Gemeinsamen ein nicht zu verachtender Teil unseres Lebenssinns. Wer sein Dasein in Einsamkeit fristet, ist selten unumwunden glücklich. Regine Hildebrandt formulierte treffend, „der Sinn des Lebens liegt im Miteinander“. Wo geteiltes Leid halbes Leid bedeutet, ist gemeinschaftlich zelebrierte Freude um ein Vielfaches schöner.


Leider neigt der Mensch in Gruppen aber auch dazu, sich selbst anzupassen und zurückzunehmen. Besonders eigene Überzeugungen werden moduliert, kollektive Denkweisen kritiklos als richtig und verteidigenswert eingestuft. Die oben skizzierten Mechanismen des Denkens und Handelns haben jahrtausendelang für Krieg und Elend gesorgt. Menschen folgen Anweisungen von Obrigkeiten blind, begehren trotz besserem Wissens oder anderer Überzeugung nicht gegen geschehendes Unrecht auf, fühlen sich in Gruppen geschützt und handeln zum Teil narrenfrei. Die sich daraus ergebenden gruppendynamischen Prozesse laden geradezu ein, seinen eigenen Verstand nicht mehr anständig zu gebrauchen. Und je gefestigter eine Gruppe ist, desto stärker treten diese Erscheinungen zutage und desto vehementer wird der eigene status quo geschützt und das Andere bekämpft.


Im Namen von Religionen und des Patriotismus wurden schier unfassbare Verwüstungen angerichtet. Die Bewegungen erreichten in der Geschichte, von der Masse der Jünger getragen, zum Teil gewaltige Kräfte, die über Landstriche samt ihrer Völker hinwegfegten.

Indes, es ist an Tragik unermesslich, dass ausgerechnet die Menschheitsgruppierungen die zerstörerischsten waren und sind, für dessen Mitgliedschaft man gar nichts können muss. Jeder gehört irgendeiner Nation an, und es bedarf wahrlich nicht viel um an irgendeine Gottheit zu glauben.


So verständlich der Wunsch eines jeden Menschen nach Zugehörigkeit ist und so gut die sich daraus ergebenden Dynamiken psychologisch und soziologisch erklärt werden können, ist es dennoch für jeden Mitläufer einer Gruppe ein Armutszeugnis, wenn die soziale Teilhabe das Einstellen des eigenen Denkens zu rechtfertigen scheint. Partizipation darf und soll sich warm anfühlen, aber sie darf niemals in kalter Ablehnung bis hin zur Gewalt gegenüber anderer Menschen münden.


Religion und Patriotismus sind kein Qualitätsmerkmal, sondern allzu häufig Flucht aus der Mündigkeit und Sucht nach Bestätigung.

„Und nein, ich war nie Anti-alles, ich war immer Anti-ihr

doch hab schon lange angefangen, mich mit Dingen zu arrangieren.

Und genau das wollte ich nie, bin schon viel zu lange hier.

Ich muss hier weg, denn ansonsten werde ich irgendwann wie ihr.“

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Kommentare: 1
  • #1

    fetteSauvomORB (Mittwoch, 04 März 2015 13:36)

    Gut geschrieben. Fesselnd und informativ, im Mittelteil aber sehr anstrengend zu lesen durch die bloße Aufzählung der Experimente. Mir gefällt deine eigens geschriebene Meinung.