Paarungsunwillige Egoisten, soweit das Land reicht

Seit geraumer Zeit ist bekannt, dass sich die Deutschen beharrlich der Fortpflanzung verweigern. Die aktuelle Fertilitätsrate von 1,38 Kindern pro Frau ist nicht mal ansatzweise ausreichend, um die momentane Bevölkerungszahl aufrecht zu erhalten – der dafür notwendige Soll-Wert von 2,1 erscheint unerreichbar. Soweit, so wenig Neues. Aber gerade weil dieses Problem allgemein bekannt ist, verwundert die Reaktion der Politik umso mehr. Sie tut nämlich nicht nur nichts gegen den demografischen Wandel, sondern befördert ihn noch.

Wohlstand als Antagonist der Biologie

Das Problem der gebremsten Lust zur Fortpflanzung ist für sich genommen, fernab jeglichem politischen Denkens, bereits interessant genug, um beleuchtet zu werden. Grundsätzlich gilt in der Natur, dass sich eine Spezies, welche über ausreichend Ressourcen wie Nahrung und geeigneten Lebensraum verfügt, recht ungehemmt fortpflanzt und stetig ihre Population erweitert. Der Mensch, welcher heutzutage in Industriestaaten lebt, findet diese Voraussetzungen zweifellos vor. Zusätzlich wird er immer älter und hat demnach viel Zeit, viele kleine Stammeshalter zu zeugen. Und falls die Natur irgendwann den Geist aufgibt, können besonders Wagemutige mittels blauer Pillen und Hormontherapie ihren Traum vom Nachwuchs auch im gesetzteren Alter noch verwirklichen.


Hinzu kommt die Tatsache, dass Menschen grundsätzlich ganzjährig zeugungsfähig sind. Anders als im Tierreich, wo häufig Paarungszeiten „zu berücksichtigen“ sind, kann Mann immer zuschlagen und Frau stets empfangen, sobald die Geschlechtsreife eingesetzt hat. Berücksichtigt man abschließend noch den Umstand, dass der Mensch keine natürlichen Feinde hat, erscheint die Fertilitätsrate von Industrieländern wie eine sexuelle Bankrotterklärung.

Interessanterweise scheinen sich beim Menschen die Naturgesetze umzukehren. Pauschal lässt sich sagen, dass sich Menschen dann vermehrt fortpflanzen, je schlechter die Rahmenbedingungen sind. Das ist natürlich viel zu einfach. So muss man bspw. Faktoren wie sexuelle Aufklärung und Zugang zu Verhütungsmitteln berücksichtigen, welche häufig besonders in den armen Teilen der Welt nicht flächendeckend angeboten werden. Dieser Umstand führt in den betreffenden Gebieten jedoch nicht nur zu reichem Kindersegen, sondern leider auch einer Vielzahl an Folgeproblemen wie Geschlechtskrankheiten, AIDS, Hunger, Kindersterblichkeit usw. Es überrascht nicht, dass die Länder mit den höchsten Fertilitätsraten auch die sind, in denen große sozioökologische, ökonomische und politische Konflikte (bis hin zu langjährigen Bürgerkriegen) verortet sind. Wohlstand, Demokratie, Nahrung, Zugang zu Krankenversorgung und Aufklärung sind sich gegenseitig bestimmende Komponenten.

Nur Kinder erhalten unsere Gesellschaft

In einem Wohlstandsland wie unserem kehrt sich die Problematik indes um. Trotz hervorragender Bedingungen gibt es viel weniger Kinder als wir zeugen und ernähren könnten. Die Gründe dürften nicht unwesentlich im Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben liegen, welches durch Bildung, Aufklärung und Zugang zu Verhütungsmitteln möglich ist. Kinder sind in unseren Breitengraden seltener die (oft ungewollte) Folge von unstillbarem Liebesdrang als vielmehr Produkt einer Planung. Die Menschen „entscheiden“ schlicht, ob sie Kinder wollen oder nicht, und koppeln diese Entscheidung gänzlich von der Leidenschaft ab. Im Zuge dessen entsteht ein sicher einmaliges evolutionsbiologisches Phänomen dergestalt, dass Kinder eine Option im Leben sind, neben vielen anderen wie Karriere, Konsum oder Freizeitgestaltung. Durch unseren Wohlstand und die daraus erwachsene Multi-Options-Gesellschaft werden Kinder inzwischen bewusst zur Sinnstiftung des eigenen Daseins auserkoren und treten somit quasi in Konkurrenz zu alternativen Lebensinhalten auf.


Grundsätzlich ist dies nicht zu beanstanden. Wer lieber sein Leben lang als Rucksacktourist die Welt sehen will anstatt sich im Reihenhaus mit Job, Kind und Rechnungen zu plagen, kann dies gerne tun. Es obliegt niemandem, solche Menschen zum Kinderkriegen zu zwingen. Der politische Ansatz sollte demnach in die Richtung zielen, dass Menschen, die sich grundsätzlich Nachwuchs wünschen, in ihrem Vorhaben bestärkt und bestmöglich staatlich unterstützt werden.


Die Notwendigkeit staatlicher Unterstützung (in welcher Form auch immer) ergibt sich nicht unbedingt aus der Gefahr, dass die Deutschen aussterben. Sicher gibt dieser Aspekt Parteien wie der AfD ein hübsches medienwirksames Wahlkampfthema, und die oben dargestellten Zahlen sprechen auch für sich. Andererseits gibt es eigentlich genug Menschen auf der Welt und ein paar weniger Deutsche hätten wohl keine fatalen Folgen für den Planeten Erde.


Aber wenn man die Überlegung vom deutschen Erbgut abkapselt und stattdessen unsere Gesellschaft inkl. aller nicht-deutschstämmigen Mitbürger ins Zentrum rückt, ergeben sich Probleme schon rein volkswirtschaftlich. Es gilt als sicher, dass unser Rentensystem aufgrund des demografischen Wandels kollabieren wird. Bereits etwa 2030 (das ist nicht mehr lange) hat sich die Zahl der Rentner, für die ein Arbeiter in die Sozialkassen einzahlt, im Vergleich zu heute verdoppelt. Ergo müsste sich der Beitragssatz sodann verdoppeln, oder die Ruheständler erhalten nur die Hälfte. Gerade in unserem Staat mit dem umlagefinanzierten Rentenmodell sind Kinder eben keine Option, sondern eine national-existenzsichernde Notwendigkeit. Denn, abgesehen von der Rente, wird auch alles andere an staatlichen Leistungen aus Steuergeldern finanziert. Wenn aber kaum noch jemand arbeiten geht, brechen auch die Steuereinnahmen weg. Im Zuge der einbrechenden Kaufkraft würden auch Unternehmen keine Steuern mehr abführen können, der Staat in seiner heutigen Form würde verenden.

Deutsche Familienpolitik als reines Alibi

Unsere Politiker sind sich all dessen auch vollends bewusst, daran kann kein Zweifel bestehen. Aber zur Schande aller mündet dieses Wissen nicht in weitsichtiger Familienpolitik, sondern allenfalls in kurzsichtigen Wahlgeschenken. Die sogenannte „Herdprämie“ ist ein Paradebeispiel für monetären Stimmfang: Seit August 2013 erhalten Eltern, die ihre Kleinkinder nicht zur Betreuung in staatliche Einrichtungen bringen, 100 EUR monatlich. Ein Jahr später wurde dies auf 150 EUR pro Monat angehoben.


Glaubt man den Politikern aus der Union, ist das Betreuungsgeld ein voller Erfolg, weil es ja ach so oft in Anspruch genommen wird. Sicher, wenn man Bürgern Geld anbietet, werden die es auch gerne nehmen (und die entsprechende Partei wählen). Aber wer glaubt denn bitte ernsthaft, dass sich Menschen im Zweifel für ein Kind entscheiden, wenn ihnen im Monat 150 EUR zusätzlich versprochen werden? Erstens scheint Geld an sich grundsätzlich kein Faktor in den Überlegungen zur Familienplanung zu sein, denn ansonsten hätten die Industrienationen Kinder ohne Ende (siehe auch Statistik oben). Und zweitens lässt das Betreuungsgeld werdende Eltern mit denselben Problemen zurück, die diese auch vorher hatten. Denn die Herdprämie gibt es sprichwörtlich nur, wenn man zu Hause bleibt.


In Deutschland herrscht aber mittlerweile das Modell vor, wonach beide Elternteile berufstätig sind. Dass Frauen die Kinder daheim pflegen und der Mann das Geld erwirtschaftet, ist nur noch in der Minderheit der Familien so, nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Familien auf 2 Einkommen angewiesen sind. Haben nun bspw. die Mütter die Wahl zwischen Beruf (und dazugehörigem Einkommen) und Hausfrau mitsamt Betreuungsgeld, so ist das schlicht keine. Im Gegenteil, mit 150 EUR mehr fängt man doch das entbehrte berufliche Einkommen nicht ab! Vom Verzicht auf Karriere und die Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg als Mutter mit Kind ganz zu schweigen!


Ohne, dass man mit allen Eltern und werdenden Eltern gesprochen hätte, kann man wohl guten Gewissens dennoch vermuten, dass sich so gut wie niemand wegen des Betreuungsgeldes für Nachwuchs entschieden hat. Darüber hinaus wird gerne verschwiegen, dass viele das Betreuungsgeld deshalb als Art „Entschädigung“ nur in Anspruch nehmen, weil sie keinen Kita-Platz ergattern können. Denn während zumindest in den neuen Bundesländern ausreichend Angebote vorhanden sind, gibt es in Westdeutschland nach wie vor zu wenige Plätze, um alle Kinder unterzubringen. Ein Armutszeugnis sondergleichen!

Staatliche Daseinsfürsorge? Sicher, aber nur gegen Bares!

Dafür, dass sich Eltern also notgedrungen ob des Kita-Platz-Mangels für das Betreuungsgeld „entscheiden“, werden diese darüber hinaus finanziell benachteiligt. Denn neben dem Wegfall des Einkommens entfallen für die Zeit der häuslichen Kinderpflege auch noch die Beiträge für die Rentenversicherung, so dass beim Eintritt ins Rentenalter und der dazugehörigen Berechnung der monatlichen Bezüge wichtige Anrechnungszeiträume und –beträge fehlen und die Rente somit geringer ausfällt. Spätestens an dieser Stelle müsste es eigentlich wöchentliche Demos der Betroffenen in Millionenstärke geben, dieser Missstand ist an sozialer Ungerechtigkeit kaum zu überbieten.


Darf man sich dennoch zu den Glücklichen zählen, die einen Betreuungsplatz ergattern konnten, zahlt man für diesen stattliche Beiträge. Hierbei ist zu beachten, dass es den Kommunen und Gemeinden überlassen ist, in welcher Höhe die Beitragssätze zu erheben sind. Meist ist der Satz nach Einkommen gestaffelt, so dass die Beiträge variieren. Zusammen mit Essengeld ist man als Normalverdiener hier schnell bei 200 bis 400 EUR monatlich. Bedenkt man, dass man einen Kita-Platz vorrangig deshalb beansprucht, weil man weiter berufstätig sein will (was zumindest volkswirtschaftlich in jedem Falle sinnvoll ist), gleicht diese Gebühr einer Farce. Man zahlt dafür, dass man arbeiten gehen kann!


In der Summe bleibt festzuhalten, dass Eltern für die staatliche Betreuung der Kinder, um  weiter arbeiten gehen zu können, bereits oftmals pauschal das gesamte Kindergeld von 184 EUR für eine Leistung ausgeben, welche unstrittig unter den Begriff der „staatlichen Daseinsfürsorge“ fällt. So gering der Anreiz der Herdprämie für den Wunsch der Familiengründung ist, so ärgerlich sind hingegen die Rahmenbedingungen betreffs Kindertagesstätten. Nicht zuletzt unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten müssten kostenlose Betreuungsmöglichkeiten in ausreichendem Umfang eine Selbstverständlichkeit sein.

Warum denn Öffnungszeiten?

Aber selbst damit ist der Ärger für Eltern in vielen Fällen noch immer nicht vorbei. Hat man einen Platz für sein Kleinkind ergattert und begleicht man auch brav die nicht zu unterschätzenden Monatsbeiträge, muss man sich immer noch mit den Sonderregeln der Einrichtungen arrangieren. Vielerorts ist es üblich, dass die Kitas mehrere Wochen im Jahr grundsätzlich geschlossen sind – eine freie Urlaubsplanung für die Eltern ist daher fast unmöglich. Wenn die Kita zu ist, ist sie zu. Es ist auch egal, dass man für 12 Monate die Beiträge entrichtet. Und selbst, wenn diese anteilig erstattet werden würden, hilft es den Eltern kaum weiter, denn das Kind muss dennoch in dieser Zeit umsorgt werden. Wer nicht das Glück hat, diese Aufgabe mal eben Familienmitgliedern oder Freunden übertragen zu können, muss wohl oder übel der Arbeit fernbleiben. Da sich die Schließungszeiten nicht nur auf ein paar Tage im Jahr beschränken, ist das für viele ein echtes Problem. Hinzu kommen von den Kitas eigenständig festgelegte Tage, an welchen die Türen ebenso dicht sind, bspw. an Brückentagen.


Auch die tagtäglichen Öffnungszeiten orientieren sich nur sehr vage an den flexiblen Arbeitszeiten, die heute eingefordert werden. Arbeiter, welche Schichtpläne haben oder generell sehr früh oder spät arbeiten (oder am Wochenende), haben einfach Pech gehabt. Wenn zu ist, ist zu. Aber wie soll bspw. eine alleinerziehende Mutter im ambulanten Pflegebereich, selbst wenn sie nur 30 Stunden pro Woche arbeitet, damit umgehen, dass die Kita nur von 8 bis 16 Uhr geöffnet ist? Wie steht es denn hier mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Es ist ja toll, dass es eine Quote für Frauen in Aufsichtsräten gibt, aber das hilft „normalen“ Arbeitnehmern keineswegs!


Die Kita-Praxis verträgt sich auch in größerer zeitlicher Hinsicht nicht mit flexiblen Arbeitswünschen. Entscheidet sich bspw. eine Mutter im ersten Jahr nach der Geburt, doch wieder früher arbeiten gehen zu wollen als ursprünglich geplant, steht einfach noch kein Betreuungsplatz zur Verfügung. Durch die Knappheit der verfügbaren Kita-Plätze in Westdeutschland muss man Ansprüche am besten mit Bekanntwerden der Schwangerschaft anmelden. Will man sich im Nachhinein anders entscheiden, ist das problematisch. Aber erscheint es tatsächlich so undenkbar, dass eine geplante Elternzeit von 2 Jahren nach einem Jahr vorzeitig beendet werden soll, weil sich bspw. eine interessante berufliche Perspektive auftut? Ist es wirklich so schwer, hier die Möglichkeit der Wahrnehmung der Chance zu ermöglichen, indem der Staat einfach seiner Fürsorgepflicht nachkommt? Offenbar schon.

Einzigartiges Deutschland

In anderen Ländern wären solche Zustände undenkbar. In Skandinavien sind derlei Angebote in der Regel kostenfrei, ebenso wie die komplette Schulbildung. Stattdessen werden die Schulen staatlicherseits bereits so ausgerüstet, dass eine vernünftige Bildung möglich ist: Überschaubare Klassenstärke, technische Ausstattung, kostenfreie Schulbücher. Auch das Studium ist weitgehend kostenfrei, damit es jedem ermöglicht werden kann.


In Deutschland gibt es an manchen Schulen „Kopierkontingente“ für Lehrer – wenn die aufgebraucht sind, können eben keine Arbeitsblätter mehr für die Klasse ausgeteilt werden. Und die Studienkosten in Verbindung mit dem randvollen Semesterplan als Folge des Bologna-Prozesses lassen die universitäre Ausbildung zu echtem Luxus werden. Wer nebenbei arbeiten muss, um sich das Studium zu finanzieren, braucht in der Regel mehr Semester oder schafft den Abschluss gleich gar nicht.


Im Internet lassen sich einige Initiativen finden, die sich gegen die derzeitige Praxis wehren. In Arnsberg in Nordrhein-Westfalen üben Bürger Druck auf die Kommunalpolitik aus. In Erfurt und Göttingen wurden Petitionen gestartet und es gibt die „Bürgerinitiative für beitragsfreie Kita- und Krippenplätze in Deutschland“, um nur einige zu nennen. Trotz dessen ist das Thema in den Medien nicht allzu präsent, was sicher daran liegt, dass es sich stets um kommunale Angelegenheiten handelt. Die Bundespolitik drückt diese Aufgabe einfach an die Kommunen durch und lässt sie mit der Finanzierung im Regen stehen, damit sie sich nicht selbst mit diesem schwierigen Thema befassen muss. Aber der Grundsatz, gleichwertige Lebensverhältnisse zu ermöglichen, gilt nun einmal bundesweit.


Vor alledem ist es wenig verwunderlich, dass die Begeisterung, sich ein Kind „aufzuhalsen“, nicht eben durch die Politik bestärkt wird. Trotz dessen müssen diese Umstände natürlich auch kein KO-Kriterium sein, denn der Wert der Kinder liegt nicht im Finanziellen. Und oftmals ist es dennoch so, dass Oma oder Opa sich mal aushilfsweise um die kleinen kümmern können. Aber wie oben erwähnt, sind Kinder häufig das Ergebnis von längerfristigen Planungen. Und es ist hierzulande gar nicht so leicht, langfristig zu planen…

Beschämende Bedingungen für junge Menschen

Durch die fortschreitende Liberalisierung des Arbeitsmarktes fühlen sich viele Menschen nicht mehr sicher, was ihre Zukunft betrifft. Es herrscht statt Optimismus eher Verängstigung vor, ob es einem wirtschaftlich auch in 5 oder 10 Jahren noch gut geht. Der wohl wichtigste Aspekt einer sicheren Zukunft ist ein sicherer Arbeitsplatz mit einem einigermaßen vernünftigen Gehalt. Dass Deutschland einen der größten Niedriglohnsektoren Europas hat, ist mittlerweile bekannt. Ca. 10 Millionen Menschen sind im niederschwelligen Bereich beschäftigt, ein Viertel aller Arbeitnehmer! Diese Menschen nehmen mit einem Neugeborenen grundsätzlich ein hohes wirtschaftliches Risiko in Kauf. Daneben sind in diesen Lohnbereichen die Anstellungen oft befristet und mit sehr flexiblen Arbeitszeiten verbunden, also tendenziell unverträglich mit dem staatlichen Betreuungsangebot.


Generell haben in den vergangen Jahren die sogenannten „atypischen Beschäftigungen“ stark zugenommen. In die Kategorie der prekären Beschäftigungsverhältnisse fallen Leiharbeit, Mini- und Midijobs, Teilzeit oder befristete Anstellungen, ein erheblicher Teil davon erhält Niedriglohn. Laut der Böcklerstiftung machen prekäre Arbeitsverhältnisse inzwischen zwei Fünftel der gesamten Anstellungsverhältnisse aus (http://www.boeckler.de/45167_51173.htm). Besonders alarmierend ist der Umstand, dass v.a. junge Menschen von diesem Trend betroffen sind. Der Anteil befristeter Arbeitsverträge ist bei den jüngsten Menschen am höchsten. Dummerweise sind es aber gerade die, welche Familien gründen sollten.

Wer ständig lediglich befristete Arbeitsverträge erhält, in Teilzeit arbeitet oder allgemein ein geringes und darüber hinaus zukunftsunsicheres Einkommen erzielt, hat jedoch kaum Möglichkeiten, eine stabile Lebensplanung aufzustellen. Genau dies ist aber eine der Grundvoraussetzungen, um sich auf das Abenteuer Kind einzulassen. Immer wieder kommen auch Wissenschaftler zu eben diesem Ergebnis, dass familienpolitische Leistungen einen positiven Einfluss auf die Geburtenzahlen haben und eine gute Betreuungssituation die Entscheidung für das erste Kind erleichtert.

Die Chancengleichheit als nicht gehaltenes Versprechen

Artikel 3 Absatz 1 Grundgesetz lautet: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Daraus leitet sich der Begriff der „Chancengleichheit“ ab, welcher sich wesentlich auf die „Startchancen“ bezieht wie bspw. gleicher Zugang zu Bildung. Vereinfacht kann man sagen, dass das Talent und der Fleiß eines Menschen über seinen Lebensweg entscheiden sollten und nicht Faktoren, die nicht in seiner Verantwortung liegen, wie bspw. sozialer Status der Eltern, staatliches Bildungssystem etc.


In Deutschland gibt es einen statistischen Zusammenhang zwischen dem beruflichen und Bildungsstatus der Eltern sowie der Kinder, heißt: Wer in Deutschland aus bescheidenen Verhältnissen kommt, wird nicht Universitätsprofessor. Die soziale Mobilität ist in unserem Land arg gering ausgeprägt, was sich daran zeigt, dass Eltern mit geringer Bildung Kinder großziehen, die aus dieser sozialen Klasse nicht ausbrechen können. Das niedrigere finanzielle und Bildungsniveau wird (vereinfacht gesagt) eins zu eins an die Kinder weitergegeben. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.414563.de/13-4.pdf) kommt zu dem Ergebnis, dass der Traum „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ viel eher ein Märchen ist. Deutschland ist, was das Niveau der Chancengleichheit angeht, auf einer Stufe mit den USA! Diese Chancenungleichheit wird u.a. im deutschen Bildungssystem vermutet. Umgekehrt können veränderte institutionelle „Rahmenbedingungen, insbesondere im Bildungssystem, zu einer deutlichen Abnahme des Einflusses des Familienhintergrundes“ (S. 8 ebd.) führen.


Aus dieser Ausgangslage entwickelt sich ein logischer und faktisch auftretender Kreislauf, wonach Familien über Generationen einer „sozialen Klasse“ angehören. Dies entspricht aber nachvollziehbar nicht dem Wunsch vieler Eltern, dass ihren Sprösslingen die Welt offensteht. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf private Kindergärten und Schulen und an elitäre Universitäten, während sich einkommensschwächere Schichten das nicht leisten können. In der Summe haben die Kinder reicher Eltern die bessere Ausbildung und zementieren ihren „Vorsprung“.


Der Trend geht auch in Deutschland in diese Richtung.  Während öffentliche Mittel für die Bildung stets knapp sind, nimmt die Anzahl an privaten Bildungseinrichtungen fortwährend zu.

Übrig bleibt nur Ratlosigkeit

Es ist eigentlich ganz simpel: Wer unbedingt Kinder haben will, bekommt diese auch. Wer keine möchte, wird sich auch von einer familienfreundlichen Politik nicht umstimmen lassen. Aber alle anderen (sozusagen der Graubereich) könnte man als Staat sicher ermuntern und unterstützen – doch genau das wird nicht getan.


Wenn das Geld an sich keine Rolle hinsichtlich der Fertilitätsrate spielt, dann sind es vielleicht Faktoren wie Planungssicherheit, für die Eltern und die Kinder, die letztlich den Ausschlag bei der Familienplanung geben. Aber wer gründet eine Familie, wenn ungewiss ist, wie hoch das Einkommen nächstes Jahr ist? Wenn nicht sicher ist, dass man auch in Zukunft einen Job hat, der im besten Falle mit einer Familie vereinbar ist? Wer ist im Zweifel bereit diesen Schritt zu wagen, wenn klar ist, dass man sich damit finanziell aufs Glatteis bewegt? Und wer setzt Kinder in die Welt, wenn klar ist, dass diese nicht alle Chancen auf ein glückliches und erfolgreiches Leben haben? Je mehr man sich mit diesem Thema beschäftigt, umso stärker drängt sich der Verdacht auf, dass Deutschland ein extrem kinderfeindliches Land ist.


Es ist wahrlich ein echtes Wunder, weswegen in Deutschland keine Kinder geboren werden. Andererseits, so schlimm ist es ja nun auch wieder nicht…

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