Der Untergang des Abendlandes ist tatsächlich nahe

Die letzten Monate haben gezeigt, was dem Deutschen wirklich wichtig ist: Fremdenfeindlichkeit, transparente Wahlen eines deutschen Weltfußballers, maßloser Weihnachtskonsum – kurzum: christliche Werte. Es erscheint daher nur allzu verständlich, dass diese geschützt werden müssen. Inwieweit wir diese Werte im täglichen Leben berücksichtigen, im Großen wie im Kleinen, ist auf diesem blog bereits mehrfach (direkt wie indirekt) thematisiert worden, u.a. beim deutschen Konsumverhalten. Ein nettes Beispiel auf der Mikroebene dessen konnte gestern in einem Artikel auf welt.de bestaunt werden, welcher sich mit der Sicht von Heranwachsenden zum Medienphänomen Justin Bieber „auseinandersetzte“.


Bella Brunnet: "Was Mädchen wirklich über Justin Bieber denken“

Ein chinesisches Restaurant in Berlin-Charlottenburg, an einem Januarnachmittag. Ich, 14, Praktikantin der "Welt", treffe mich mit meinen beiden Freundinnen Hanna Reinke, 14, und Miriam Hamilton, 15, um mit ihnen über das angebliche Teenie-Phänomen Justin Bieber zu reden. Miriam war mal Fan, Hanna nicht, ich auch nicht. Es gibt Wan-Tan-Nudelsuppe, Dim Sum und Chop Suey, dazu Cola. Das Diktiergerät liegt auf dem Tisch zwischen uns.


Bella: Okay, ich schmeiß kurz mein Ding hier an. Äh, warte, wie geht das?

Miriam: Ich fühl mich irgendwie wie Carrie Bradshaw und weiß nicht warum.

Bella: Und ich erst, hallo? Ich bin bei der Zeitung. Schläfst du jetzt eigentlich bei mir?

Miriam: Wahrscheinlich. Als ob ich meine Mutter nicht überredet bekomme.

Bella: Äh, macht mal eure Karten zu.

Hanna: Ich weiß nicht, welches Dim Sum wir nehmen wollen.

Miriam: Garnelen, oder?

Hanna: Ja, aber noch was.

Bella: Also, erst mal eine Wan-Tan-Suppe mit Shrimps und Nudeln bitte. Und dann bitte die 450 und dann noch diese Lammkoteletts, wie viel kosten die denn?

Kellner: 17 Euro.

Bella: Nee, dann die bitte nicht.

Hanna: Kann ich gleich noch bestellen?

Miriam: Ich nehme einmal die Acht.

Bella: Justin Bieber!

Hanna: Er hat nichts mehr mit diesem kleinen Jungen aus den Videos zu tun.

Miriam: Habt ihr die blonden Haare gesehen?

Bella: Ja, oh mein Gott, so hässlich.

Miriam: Und die Calvin-Klein-Campaign?

Hanna: Ich find's ein bisschen peinlich, dass es gephotoshopped ist.

Bella: Er hat ja so ein Bild auf Instagram gepostet. "Photoshop lol". Und man denkt nur so: Ja, aber dein Sixpack sieht in der Campaign viel größer aus.

Hanna: Er wird in meinen Augen niemals ein Mann sein. Hat der nicht schon zwei Filme gemacht?

Miriam: Echt? Aber so Justin-Bieber-Filme.

Bella: Ja, aber der in 2013 rausgekommen ist, war so unerfolgreich.

Hanna: "Never say never?"

Bella: Nein, "Believe" war der, welcher in 2013 rausgekommen ist. Der war so unerfolgreich.

Miriam: Warum?

Bella: Weil da einfach kein Mensch reingegangen ist. In "Never Say Never"sind wenigstens noch Menschen reingegangen.

Hanna: Wie alt ist er denn jetzt?

Bella: 20.

Miriam: Ich hätte jetzt 19 gesagt.

Hanna: Macht er es öffentlich, dass er trinkt?

Bella: Ja, er hat letztens irgendwas mit Beer Pong gepostet.

Hanna: Ja, aber Beer ist doch in Amerika ...

Bella: Nein, ab 21 alles.

Miriam: Außer Auto fahren.

Hanna: Er hat dieses Lied, das heißt so "Maria", und es ähnelt "Billie Jean" von Michael Jackson so sehr. So vom Kontext her und auch an einer Stelle so richtig doll. Es ist schlimm, it's a disgrace.

Miriam: Ich glaube, er hat so keine Personality wie früher so Michael Jackson und jetzt so Khalifa, Tyga und so.

Hanna: Justin Bieber ist nur noch ... Es geht gar nicht mehr um seine Musik, es geht nur noch um seinen Namen.

Bella: Er hat ein Networth of 200 Million and he's fucking 20 years old.

Hanna: That is fucked up.

Miriam: Was hat er?

Bella: Ein Networth of 200 Million.

Hanna: Sorry, aber er hat nicht mal eine so originelle Stimme. Ich werd' auch in sein neues Album nicht reinhören.

Bella: Es gibt kein neues Album, das letzte Album ist immer noch das mit "Boyfriend".

Hanna, Miriam: "If I was your Boyfriend never let you go, I could take you places, you've never been before, Swag, swag ..."

Hanna: "Swag, swag on you, chillin' by the fire while we eating Fondue. Don't know about me, but I know about you."

Bella: Woher kennst du das so gut? Hörst du das immer heimlich oder was?

Hanna: Nein, aber "Boyfriend" habe ich gehört. Da kenn ich so den Anfang und den Refrain auswendig.

Miriam: Ich glaub', auch wenn man kein Belieber ist, kennt man seine Lieder.

Bella: Ich hab immer früher "One Time" gehört, weil wir dazu in Hip-Hop getanzt haben, und ich fand's todesgeil.

Hanna: Ah, ja das weiß ich noch. Das war aber auch scheiße. Ehrlich gesagt.

Bella: Na ja komm, aber da war er so 16.

Miriam: Ich war so ein krasser Belieber, das geht einfach nicht. Ich hab so geweint auf dem Konzert in Madrid.

Bella: Wie krass war es denn bei dir?

Miriam: Ich hab so T-Shirts, Caps, alles Mögliche zum Konzert getragen.

Hanna: Okay, seine Beziehung zu Selena Gomez. Promo, oder?

Miriam: Nein. Echt.

Hanna: Ich verstehe, wie Mädchen ihn gut finden und so, aber ich finde, er hätte ohne Tattoos und so bleiben sollen.

Bella: Ich finde die Tattoos eigentlich cool.

Hanna: Ja, aber das war sein Erfolg, weißt du?

Bella: Miriam, wie lange warst du Belieber?

Miriam: So richtig lange. Also so von, als "One time" rausgekommen ist. Alle denken, "Baby" ist sein erstes Lied.

Bella: Wusste ich, dass "One Time" das erste war, dann "One less lonely Girl".

Miriam: Genau, und alle Belieber immer so: Oh mein Gott, "Baby", sein erstes Lied. Und ich nur so: Nein.

Bella: Wir sind raus aus dem Alter, in dem man Justin Bieber, One Direction und so gut findet, oder? Ist man mit vierzehn raus aus dem Alter?

Hanna: Locker.

Miriam: Nein.

Bella: Es gibt viele Achtklässler, die One Direction richtig gut finden. Meiner Meinung nach hat One Direction Justin Bieber ein bisschen ersetzt.

Hanna: Ich finde One Direction eh besser als Justin Bieber.

Bella: Ja. Die sehen auch besser aus.

Hanna: Harry Styles sieht so gut aus.

Bella: Und auch dieser, Louis heißt der, glaub ich.

Miriam: Aber die sind ja alle älter, das wusste ich gar nicht. So 23, 24.

Bella: Es gab einen Radio Contest, und Beliebers haben gegen Directioners gewonnen, und das ist nicht lange her.

Miriam: Stimmt.

Hanna: Ich will wissen, wie Justin Bieber in 20 Jahren aussieht.

Bella: Er wird so abstürzen, so wie Macaulay Culkin.

Hanna: Drew Barrymore.

Bella: Aber die hat sich ja wieder unter Kontrolle.

Hanna: Amanda Bynes.

Bella: Ich find's so komisch, dass er jetzt auch noch Vine Famous werden will. Ich meine, der Typ ist schon der meistgeklickte Mann bei Instagram und Twitter. Das Gute an Vine ist doch, dass Leute, die überhaupt nicht berühmt sind, berühmt werden können, weil sie lustig sind. Und jetzt macht er so Vines, mit KingBach. Glaubt ihr eigentlich, er ist nett, also zu seiner Fanbase und so?

Hanna: Ich glaube so bei seiner Fanbase, er ist sich gar nicht bewusst, wie viel die von ihm halten.

Bella: Hier, #cutforbieber, wisst ihr noch, als das so viral war?

Hanna: That was unbefuckinglievable.

Bella: Wisst ihr, wie das entstanden ist?

Miriam: Wie?

Bella: Da waren so Internettrolls, die so gesagt haben, okay, let's start a campaign. Like, if you wanna stop Bieber from smoking pot, cut your wrist. Ich meine, wie kann man sich denn für einen Prominenten schneiden? Würdet ihr das jemals machen?

Hanna: Nein!

Bella: Man kann doch nicht abhängig von einer Person sein, die noch nicht einmal weiß, dass man existiert.

Hanna: Ja, und ich kann mir auch vorstellen, dass Justin Bieber echt arrogant damit umgeht.

Miriam: Like when you're famous, you have to take so much responsibility.

Hanna: Ja, because you have so much control, at the tip of your finger, you have so much control.

Miriam: Exactly, und das weiß er nicht.

Hanna: Ja, und wenn es ihm bewusst wäre, würde er auch glaub ich nicht so doll drauf achten. Ich glaube, früher war er wirklich so herzlich mit den krebskranken Kindern, die er besucht hat und so. Er hat auch über ein krankes Mädchen so ein Lied geschrieben. Man kann immer sagen: Promo. Aber na ja. Nur, heute kann ich mir das bei ihm nicht mehr vorstellen. Weil er einfach so kaputt ist von dem ganzen Geld.

Bella: Auch abgestumpft, weil ich glaube, dass der schon ganz schön viele Drogen konsumiert. Kann mir doch keiner sagen, dass der nicht kokst.

Miriam: Als ob er nicht kokst.

Bella: Wie lange, glaubt ihr, wird denn seine Karriere noch anhalten?

Hanna: Drei Jahre, allerhöchstens.

Die Welt: Glaubt ihr, dass wenn sein neues Album erscheint, ihr mal reinhört?

Hanna: Nicht mit Absicht. Es interessiert mich so überhaupt nicht, was der treibt. Nur seine Skandale sind vielleicht mal ganz lustig.

Bella: Wisst ihr noch, dieses Video mit der Prostituierten.

Hanna: That was so funny. Ich will gar nicht wissen, wie viele Prostituierte ...

Bella: ... der schon gebanged hat?

Hanna: Ja.

Miriam: Und es gab ja auch so ein Gerücht.

Bella: Dass er Vater ist?

Hanna: Ja genau, deswegen ja auch "Maria". Weißt du, so richtig "Billie Jean"-mäßig.

Bella: Miriam, verstehst du noch, wie es zu diesen Beliebern kommen kann?

Miriam: Also, nach "Believe" hat er ja angefangen, sein Image so zu ändern. Und diese ganzen Videoclips dann zu "All that Matters" und so, die waren halt so richtig sexy badboymäßig und so. Und weil sie ihn ja schon so richtig heiß und hübsch und so finden, kann ich schon verstehen, wenn sie nach diesen Videos noch mehr so Oh-mein-Gott waren.

Bella: Hanna, wieso hat dich der Hype nie so gepackt?

Hanna: Ich glaub, es war einfach nur so, ich fand seine Musik irgendwie nie gut. Vielleicht einfach, weil in dem Moment, als der richtig berühmt wurde, war ich richtig im Michael-Jackson-Hype.

Bella: Ich auch, weil der da gerade gestorben ist.

Hanna: Ja, und da, like, I had no eyes for anything else. Aber auch so, der hat mich irgendwie nie so interessiert.

Bella: Ich mochte "One time" echt gerne. Wisst ihr, wie lange das erste Album, wie hieß'n das? "My world". Ratet mal, wie lange das in den Charts war.

Miriam: Vier Monate. Wann kam's raus, 2009?

Bella: 2010. Okay, soll ich sagen? 125 Wochen. That is so crazy. Da war er 16. Als sein drittes Album rauskam, war sein erstes noch in den Charts.

Miriam: Wollen wir noch kurz auf Ku'damm?

Bella: Nein!

Hanna: Hallo? Warum nicht? Bella.

Bella: Ich frage mich manchmal, ob es für so reiche Menschen wie Justin Bieber einen Unterschied gibt zwischen 78 Millionen und 81 Millionen.

Miriam: Ich glaub, für den ist das das Gleiche.

Hanna: Ich meine, für uns wären drei Millionen das Größte auf der Welt.

Miriam: Ich hab so gelesen, zum Beispiel für irgendeinen appearance irgendwo kriegt der schon so viel Geld, so, locker ein paar Millionen. Party appearances.

Hanna: Wann müssen wir bei dir zu Hause sein?

Bella: Oh, I have no idea.

Hanna: Wollen wir noch irgendwas machen?

Miriam: Ich will auf Ku'damm.

Bella: Und was machen wir morgen?

Quelle: „Was Mädchen wirklich über Justin Bieber denken“ von Bella Brunnet, erschienen am 29.01.2015 auf: http://www.welt.de/kultur/pop/article136893943/Was-Maedchen-wirklich-ueber-Justin-Bieber-denken.html


Wer bis hierhin gekommen ist und so, ist schon mal voll schmerzunempfindlich und so und überhaupt… Grats!



Dieses „Gesprächs-Werk“ stellt einen Spiegel unserer Gesellschaft dar, und zwar mit so ziemlich allem Schlechten, was einem dazu einfallen könnte. Aus dem Protokoll lassen sich Lebensein- und –vorstellungen unserer Jugend vortrefflich ablesen (wenn auch sicher nicht für alle und jeden), die Freizeitgestaltung, das Themeninteresse und die Wertung all dessen. Insofern ist man der Autorin zu größtem Dank verpflichtet, hat sie doch, wenn auch unfreiwillig, ein markantes Ausrufezeichen in Zeiten der Oberflächlichkeit und politischen Lethargie gesetzt. Entstanden ist ein leider nicht überzeichnetes Abbild unserer Weltansicht, welches in seiner grässlichen Vollendung und Schönheit sowie seiner Bedeutungstiefe die Werke Leonardo da Vincis in den Schatten stellen dürfte.

Work-life-balance und Freizeitgestaltung

 

Wenn sich Jugendliche, wie hier bspw. 14-jährige, wie selbstverständlich nachmittags unter der Woche treffen und essen gehen, kann einem schon ein wenig anders werden. Abgesehen vom Finanziellen („Teenager“ sind eine der kaufkräftigsten Gruppen in unseren Breitengraden!) hat sich bei der Obermittelschicht von morgen bereits ein Selbstverwirklichungsanspruch eingenistet, der nicht nur enorm unbescheiden daherkommt, sondern auch vollkommen fehlgeleitet ist. Es ist obligatorisch, alle Einkaufsläden, Cafés und Restaurants im Umkreis von 50 Kilometern auswendig zu kennen. Ein Morgen ohne Coffe to go ist ein verlorener, ein Wochenende ohne Restaurantbesuch ein vergeudetes und eine Woche ohne neue Handtasche das faktische Existenzende.

 

Der Anspruch, sich immer frequentierter etwas gönnen zu müssen, ist inzwischen gesellschaftlich derart manifestiert, dass selbst Regierungsstudien zu dem Schluss kommen, dass genau dies die häufigste Motivation für ein Studium ist: 73% der befragten Studenten gaben als elementare Studienmotivation an, „sich schöne Dinge leisten zu können“ – der Konsumrausch hat uns endgültig süchtig gemacht (siehe: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studie-studenten-sind-unpolitisch-und-konsumorientiert-a-999294.html). Als ob wir alle in armutsgrenzenüberschreitenem Verzicht aufwachsen…

 

Stellvertretend für diesen eigentlich unerklärlichen Schwachsinn könnten die Bilder des Verkaufsstarts des iphone 6 herhalten. Wie Verdurstende vor dem einzigen Wasserstand in der Wüste standen die Leute, tausendfach vor den Geschäften im Land verteilt, und haben sich um Mitternacht um die Telefone gekloppt. Es gibt in Deutschland mehr Handys als Einwohner, und apple zieht aus seinen Produkten bekannterweise den größten Nettogewinn von allen Handyanbietern. Und obwohl demnach weder Notwendigkeit noch wirtschaftliche Beweggründe die Verursacher dieses Verhaltens sein können, ist es diesen Markenzombies unmöglich, wenigstens bis zum nächsten Vormittag mit dem Kauf zu warten. Dass die neuen Telefone oftmals mittels Ratenzahlung finanziert werden, rundet die Absurdität harmonisch ab.

 

Neben den täglichen Ausgaben für „lifestyle“ ist hier auch die Zeit des sinnfreien Umherpilgerns an sich zu nennen. Soziologen haben mittlerweile herausgefunden, dass unsere Multi-Optionsgesellschaft uns krank macht, weil sie aufgrund der unzähligen Alternativen eine Schnelllebigkeit der Zeit und Möglichkeiten eröffnet, die dem Individuum Zeit und Raum raubt anstatt zu geben. Man hat immer das Gefühl, etwas zu verpassen, etwas unbedingt haben oder (mit)machen zu müssen. Nichts, speziell für die nachwachsenden Generationen, ist schlimmer als ein Abend zu Hause auf der Couch. Wenn das Erleben zum Selbstzweck verendet und Erinnerungen aufgrund der Masse und Dichte an Eindrücken kaum mehr angefertigt oder gar genossen werden können, hat zumindest die Konsumindustrie ihr Ziel erreicht. Wer kennt nicht irgendeinen Bekannten, der eine Städtetour nach z.B. Paris unternahm und sich eine halbe Stunde für den Louvre einplante, nur um später erzählen zu können, dass er eben mal da war? Von genießen, oder „In-sich-aufsaugen“, kann hier keine Rede mehr sein. Nicht umsonst umwirren uns Lebensmottos mit begrenztem Erkenntniszuwachs wie YOLO (You only live once) oder „leider geil“. Muss man eben gemacht haben. Und wenn nicht, was ist dann eigentlich? Hat man dann wirklich nicht gelebt?

 

Der Vergleich zu Beginn des Treffens mit Carrie Bradshaw aus der Serie „Sex and the City“ ist nicht zufällig. Denn was ist denn die Aussage dieser Serie? Sicher, es geht um Beziehungen, Freundschaften, Sex, Liebe, Schuhe etc. Aber das für sich wäre alles noch ziemlich harmlos. Viel entscheidender und gefährlicher ist eine ganz unbemerkt mitschwingende Komponente der Serie: Die Weiber sitzen ständig irgendwo und essen, trinken, quatschen. Mittags im Restaurant, abends in einem Club oder einer Cocktailbar, hin und wieder eine Vernissage. Nie sieht man die Heldinnen arbeiten (obwohl sie alle in ihren Berufen durchaus erfolgreich sind), fast nie geht es um berufliche Fragen und Karriereprobleme. Arbeitsplatzverlust und Existenzängste sind ohnehin tabu. Der berufliche Erfolg, der die Ernte der materiellen Früchte erst ermöglicht, geht ganz von selbst. Es ist daher nicht verwunderlich, dass junge Menschen in dem Glauben aufwachsen, das Leben sehe genau so aus. Die Botschaft, alles ist wichtiger als die Arbeit und beruflicher Erfolg kommt quasi von selbst, ist kreuzgefährlich!

 

Die Folgen dieses egoistischen, angeblichen Wohlfühldenkens sind eben jene, die wir inzwischen mit aller wirtschaftspolitischen Durchschlagskraft bestaunen können: Firmen, die mit Image mehr Kunden anziehen als mit einheimischer Produktion oder weitsichtiger Arbeitnehmerpolitik (das eigentliche Produkt ist ohnehin egal. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass Leute millionenfach ihren Kaffe lieber völlig überteuert kaufen und hastig beim Busfahren konsumieren anstatt gemütlich mit Familie zu Hause?). Politisch gewollte Steuerflucht von Konzernen. Billigproduktionen in bettelarmen Ländern mit erschreckend hoher Kinderarbeitsrate. Gewollte Kurzlebigkeit von Gebrauchsprodukten.

 

Kurzum: Weil wir alle den Anspruch haben, uns von unserem Geld Luxus leisten zu können, nehmen wir die Folgen billigend in Kauf oder sind inzwischen gar blind dafür geworden. Denn die Wahrheit ist nun mal, dass wir alle luxuriös konsumieren, aber nicht luxuriös produzieren und verdienen. Den Preis dafür lassen wir aber gerne den Rest der Welt bezahlen. Und diejenigen, die nicht das Glück hatten, in Deutschland geboren zu werden und sich dennoch am Grabbeltisch der unnützen Dinge etwas stibitzen wollen, zerschellen an Zäunen in Nordafrika oder der Türkei. Wer aber brav in seiner Fabrik in Bangladesch sitzen bleibt und für einen Bagatelllohn Hosen näht, damit wir diese preisgünstig erwerben können und somit das nötige Geld für ein iphone 6 haben, wird von uns zumindest hin und wieder bemitleidet. Ideologie ist echt super, solange sie die Lebensqualität nicht einschränkt.

Rhetorik

Die gewöhnliche Unterhaltung musste in jüngerer Vergangenheit nahezu vollständig dem bedeutungsschwangeren Dahinschwadronieren über die Themenkomplexe shopping, VIPs, Luxus und Sex weichen. Hierbei ist zu beachten, dass es mindestens genauso wichtig ist, stets völlige Sachkenntnis in allen thematischen Bereichen des Universums zu suggerieren als auch, diese Sachkenntnis möglichst beiläufig zu demonstrieren.


Die häufige Benutzung der Anglizismen stört dabei noch am allerwenigsten. Zum einen ist dies Ausdruck unseres globalisierten Lebens, und zum anderen haben sich Jugendliche stets und zu allen Zeiten auch sprachlich separiert und ausgedrückt. Dass die Sprache hierbei eher dem Narzissmus als dem Informationsaustausch dient, ist hormonell bedingt und war wohl nie anders. Viel schlimmer fällt im Vergleich zur Pflege und Betonung des Jugendkauderwelschs mit all seinen Spezialbegriffen die dagegen völlig vernachlässigte Grammatik und Sprachphantasie auf.


Die gemischtsprachliche Ausdrucksweise kann nur unzureichend darüber hinwegtäuschen, dass diese Kinder kaum in der Lage sind, einfache Hauptsätze geradeaus zu formulieren. Sobald Nebensätze erforderlich sind, ist der Ofen gänzlich aus und die Gedanken werden als Notbehelf in Form von Wortgruppenbrocken in die Runde gerülpst. Das ganze Gespräch besteht aus Formulierungen wie „Ich glaub', auch wenn man kein Belieber ist, kennt man seine Lieder.“ Und man sollte hierbei berücksichtigen, dass der Artikel schon die bereinigte und korrigierte Version darstellt – da hat schon jemand Korrektur gelesen! Kleinere grammatikalische Kapitulationen wie „Ich will auf Ku'damm.“ fallen da fast nicht mehr ins Gewicht.

Ebenso beängstigend ist die generelle Form der Gedankenverbalisierung, fällt diese doch äußerst eintönig und v.a. vorhersehbar aus. Es sind bei Jugendlichen stets dieselben Standardformulierungen, die gewählt werden und nicht selten eigenständige Gruppen bei facebook und früher studi.vz darstellen, weil der Satz eben einfach super ist. Lebensmottos und Selbstdarstellung gepaart mit Pseudo-Humor und/oder –Intelligenz machen inzwischen „gefühlt“ einen erheblichen Teil der Sprache aus. Die narzisstische Motivation sorgt dafür, dass angesagte Sätze häufig ausgesprochen werden und dies wiederum entbindet den Sprecher von der Pflicht, sich eine geeignete Formulierung auszudenken, was langfristig die Sprachvariabilität einschränkt. Von einem Gefühl für die Sprache ganz zu schweigen. „Das tangiert mich peripher“, „Kopfkino“ oder „Fremdschämalarm“ sind solch grausige Beispiele für Wörter oder Sätze, die ausgesprochen werden, sobald sie nur ungefähr zu passen scheinen. Einem differenzierten Ausdruck von Emotionen stehen sie jedoch massiv entgegen, und wichtige kommunikative Komponenten wie Gesprächsführung oder gar Pietät werden von ihnen beerdigt.


Daneben ist auch die scheinbar beiläufige, emotionslose Erwähnung von recht unerfreulichen Sachverhalten mit entsprechender Wortwahl auffällig. „Als ob er nicht kokst.“, „... der schon gebanged hat?“ oder „Ich auch, weil der (Michael Jackson) da gerade gestorben ist.“ lesen sich im Protokoll, als würden sich die Mädels über ihren Einkauf beim Bäcker unterhalten. Dass das Hintergrundwissen hier faktisch nicht vorhanden sein kann und die Argumente trotz dessen absolut zweifelsfrei hervorgebracht werden, sei nur am Rande erwähnt.


Als Letztes sei hier, völlig abseits des Wortschatzes und der Grammatik, auf den Ton hingewiesen. Ausdrücke wie „Hallo?“ suggerieren immer eine hübsche Überlegenheit gegenüber dem Empfänger, frei nach dem Motto „Wie kann man nur so doof sein, das nicht zu wissen?“. Ein Auseinandersetzen mit der Sichtweise des Gegenübers erfolgt per se nicht, Zweifel am Sacherhalt sind philosophische Unmöglichkeit, und der Sagende wähnt sich auf einem Podest. Auch wenn es den meisten, die derlei Formulierungen benutzen, nicht bewusst ist, so ist der darin mitschwingende Ton an Überheblichkeit kaum zu überbieten und wird vermutlich nicht zuletzt deshalb sehr gerne von der heutigen Jugend angewendet.


Die wohl schönste Aussage des Gesprächs beim Chinesen fasst alles nochmals vorbildlich zusammen: „Genau, und alle Belieber immer so: Oh mein Gott, "Baby", sein erstes Lied. Und ich nur so: Nein.“

Was bedeutet so ein Artikel?

Wie eingangs erwähnt, beinhaltet dieses Protokoll eine Vielzahl an schlechten Eigenschaften, die unserer Gesellschaft innewohnen. Allerdings sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die jungen Protagonistinnen hierfür wenig können. Sie sind letztlich nichts anderes als die Produkte ihrer Umgebung, ohne dass man von 14-jährigen erwarten sollte, dass sie diese Umwelt bereits umfassend kritisch bewerten, interpretieren und reflektieren können. Vermutlich gerade deshalb bietet das Gesprächsprotokoll in seiner Gesamtheit einen so ungefilterten Blick in den Spiegel unserer Gesellschaft, dass die Faszination des kranken Fehlgeleiteten unseres Interesses und des kalten Abartigen unseres Konsums dem Ganzen fast schon wieder eine ästhetische Note verleiht.


Allein, dass dieser Artikel in der Form veröffentlicht wurde, spricht Bände. Der zuständige Redakteur der bemitleidenswerten Praktikantin, die ein völlig falsches Bild von Journalismus erhalten haben muss, hat der Veröffentlichung zugestimmt, mitsamt allen Inhalten. Und das ist das Problem: In diesem Land merkt niemand mehr irgendwas. Wenn das die vorgelebten (christlichen) Werte unserer Gesellschaft sind, ist das Ende des Abendlandes zum Greifen nahe, sowohl moralisch als auch wirtschaftlich. Denn unsere Konsumgier ohne Sinn und Verstand verdrängt nicht nur Bildung, sondern treibt auch die Spirale des „uns zustehenden“ Wohlstands voran mit der unausweichlichen Folge, dass immer mehr Menschen den Wohlstand erarbeiten müssen, von dem zwangsläufig mit der Zeit immer weniger Menschen profitieren werden. Vielleicht tröstet dieser Anachronismus aber auch ein wenig: Die Sucht nach Wohlstand und Selbstverwirklichung wird die Erlangung dessen schon sehr bald deutlich schwieriger machen. Und wenn das alles unser gelobtes Abendland ist, brauchen wir uns auch nicht vor dessen Untergang zu fürchten.

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