Chimärismus in seiner schlimmsten Ausprägung

Ein Sprichwort aus der Arbeitswelt lautet: Gefährlich wird es, wenn die Dummen fleißig werden. So ähnlich kann die Situation aufgefasst werden, wenn die 2 deutschen Kernkompetenzen „Fußball“ und „Demokratie“ (in dieser Reihenfolge) wie umherirrende Asteroiden aufeinanderprallen, mit ebenso verheerenden Auswirkungen.

Die Wahl Cristiano Ronaldos zum Weltfußballer hat, wenn man die Medien verfolgt, in Deutschland ein mittleres Erdbeben ausgelöst. Nicht nur in den Kommentaren unzähliger Webseiten lässt sich pure Verzweiflung und Entrüstung herauslesen. Auch die Journalisten selbst beschränken sich längst nicht mehr darauf, die Wahlergebnisse zu verbreiten, sondern lassen ihrem Unmut fernab von Professionalität und Fußballsachverstand freiem Lauf. Das einzig Positive an dieser ganzen Diskussion: Es ist sehr schön, dass es uns allen offenbar noch viel zu gut geht, als dass wir uns auf Wesentliches beschränken müssten.


Nun ist es vollkommen legitim, wenn man einen anderen Fußballer höher einstuft als Ronaldo. Jeder darf seine Meinung haben, und anhand der Diskussionen lässt sich auch ganz gut erkennen, dass jeder den Fokus dieser Weltfußballerwahl anders interpretiert. Einige argumentieren, Titel seien entscheidend. Andere finden, der mannschaftliche Aspekt der Kandidaten wird zu wenig beachtet, weswegen immer nur spektakuläre Angreifer gewählt würden. Auch eher normative Faktoren und Gewichtungen wie bspw. Fairness und Darstellung in der Öffentlichkeit in Verbindung mit Vorbildfunktion sind oft zu hören. Alle diese Standpunkte haben ihr Für und Wider und durchaus ihre Daseinsberechtigung. Insofern verhält es sich wie bei allen demokratischen Wahlen, egal ob politisch bedeutsam oder eher nebensächlich im sportlichen Bereich: der mit den meisten Stimmen ist der verdiente Sieger. Andere Meinungen sind erlaubt, sollten aber nicht dogmatisiert werden. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass sich Deutschland mit dem Ausgang dieser Wahl einfach nicht arrangieren kann. Und die Reaktionen, die aus diesem Missmut heraus entstehen, sind in jedweder Hinsicht gruselig.


Als verantwortlich für die Miss-Wahl Ronaldos wird zuvorderst der unsägliche Wahlmodus gemacht. Dieser ist dergestalt ausgelegt, dass aus jedem FIFA-Mitgliedsland der Nationaltrainer, der Kapitän der Nationalmannschaft und ein ausgewählter Sportjournalist ihre Stimmen abgeben. Das bedeutet aber auch, dass doch zumindest 2/3 der Wähler durchaus Fußballsachverstand haben sollten, oder? Sollte man wirklich den Trainern und den Nationalspielern jegliche Fußballkompetenz absprechen? Ebenso ins Leere geht auch die oft wiedergekäute Behauptung, Messi und Ronaldo würden sich im außereuropäischen Raum besser vermarkten. Für sich genommen stimmt dies sicher, aber Sportjournalisten als auch Spielern und Trainer in aller Welt ist es wohl zuzutrauen, dass sie den europäischen Spitzenfußball mit einiger Regelmäßigkeit verfolgen. Und das Ereignis, bei welchem Neuer den mit Abstand größten Eindruck erwirken konnte, war die WM gewesen, und die hat nun wirklich jeder verfolgt, der sich auch nur annähernd für diesen Sport interessiert.


Abgesehen davon schwingt in allen diesen Vorwürfen nicht nur die Unterstellung der fehlenden Kompetenz mit, sondern auch des fehlenden Demokratieverständnisses. Den beiden erstplatzierten Ronaldo und Messi wird vorgeworfen, nicht ehrlich und objektiv, sondern egoistisch abgestimmt zu haben. Ronaldo hat tatsächlich nur Teamkameraden gewählt, nämlich Ramos, Bale und Benzema. Messi stimmte für seinen Nationalmannschaftskameraden Di Maria und seine Vereinskollegen Iniesta und Mascherano. Sicher, diese Abstimmungen sind strategisch und sympathiebedingt. Aber haben es die deutschen Vertreter besser gemacht?


Schweinsteiger wählte als Kapitän der Deutschen Neuer, Lahm und Müller, und Löw wählte Neuer, Lahm und Schweinsteiger. Müller hätte vermutlich Neuer, Lahm und Löw gewählt. So geht Objektivität heute.


Der Anspruch an ehrliches Wahlverhalten beschränkt sich jedoch nicht mal mehr auf den Kreis der deutschen Spieler. Lewandowski musste sich gar öffentlich dafür entschuldigen, dass er als Kapitän der polnischen Nationalmannschaft Ronaldo vor Neuer auf Platz 1 setzte! Nur, weil er eben zufällig mit Neuer in einem Verein spielt. Wir sollten für den Wechsel Lewandowskis zu Bayern dankbar sein, sonst hätte ganz Fußballdeutschland gehofft, dass Ronaldo und Messi bei der Gala das Nachsehen gegen Weidenfeller haben!


Wie muss sich der polnische Stürmer wohl gefühlt haben, als Sammer in die Kabine kam und ihn auf dieses Versehen ansprach? Wahrscheinlich kannten nicht mal Lewandowskis Vorfahren eine solche Angst, als die Deutschen 1939 in Polen einfielen… Dem Himmel sei Dank hat Sammer ihn begnadigt. Das hätte doch mal einer Robert im Sommer sagen können, dass in Bayern keine Wahlfreiheit herrscht! Wie sonst ist es möglich, dass die CSU seit dem 30-jährigen Krieg ununterbrochen die Regierung bildet?


Auch Christian Fuchs wurde in der Presse gerügt. Als Kapitän der Österreicher wählte er Neuer nur auf Platz 3, hinter Ronaldo und Robben. Dabei hatten die beiden doch mal auf Schalke zusammengespielt! Sauerei! Claudio Pizarro bewies da mehr Grips, er wählte brav Neuer.


Tja, und Sammer? Hat in Interviews völlig ironiefrei gesagt, mit Lewandowski wäre alles in Ordnung, weil es ein Versehen gewesen sei. Und überhaupt sei er selbst der einzige, der diese Frage objektiv beantworten könne. Hoffen wir mal, dass das Guardiola das nicht gehört hat. Überhaupt schwingt Sammer sehr gerne die Keule des Nationalstolzes. Von einem, der voller Inbrunst sowohl die Nationalhymne der DDR als auch der BRD geträllert hat, lässt man sich doch gerne zur Thema „Patriotismus“ belehren. Vielleicht hätte der gute alte Motzki nicht zum PR-Berater von Matthäus wechseln sollen.


Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=InnuXaiKvYA

Es zeigt sich wieder mal, dass der Deutsche zum Einen ein recht bemerkenswertes Verständnis von Demokratie hat, und dass er zum Zweiten stets einen würdigen Verlierer darstellt. Aber da dieser Artikel sich um ein Thema dreht, dass in der Zeitgeschichte so belanglos daherkommt, dass selbst die benötigte Atemluft zur Beschreibung des Ausmaßes dieser Belanglosigkeit verschwendet ist, sollen die Gepeinigten und Enttäuschten mit einem weiteren schönen Video aufgemuntert werden:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=IPAjIHKxyrk

Das ist doch viel schöner als der Goldene Ball, oder?



Kleiner Zusatz: Merkwürdige Wahlen fernab jeglicher Nachvollziehbarkeit

 

 

Andrei Zygmantovitsch (Trainer Weißrussland) hält Javier Mascherano für den besten Spieler der Welt

 

Roca Albert (Trainer El Salvador) vertritt die Auffassung, dass Andrés Iniesta im abgelaufenen Jahr alle anderen überragt hat (kommt mit der Meinung aber leider das ein oder andere Jahr zu spät)

 

Der Journalist Olivier Luc aus Tahiti gab mit Paul Pogba einen echten Spaßtipp ab


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