Ein totgeschwiegenes Problem

Trotz aller Bemühungen bestimmen in Deutschland unverändert Ungerechtigkeiten vormittelalterlichen Ausmaßes den Alltag. Seit unzähligen Jahren setzen sich die Armen und Schwachen in unserer Gesellschaft für die Durchsetzung gleicher Rechte ein, doch die Forderungen bleiben ungehört oder werden allenfalls stiefmütterlich aufgenommen und halbseiden umgesetzt. Es verwundert daher nicht, dass Schicksale wie das der jungen Jaqueline-Chérie M.* keine Einzelfälle darstellen.

„Ich war schockiert, mein Leben war völlig verändert. Nichts war mehr wie vorher.“ So erschütternd beschreibt Jaqueline den Tag, an dem ihr Ex Micha ihr mitteilte, dass sie einen 5-jährigen Sohn habe. Jahrelang hatte er das Kind vor ihr geheim gehalten, doch die berufliche Talfahrt des Nachwuchsprellers ließ die Kontaktaufnahme zur finanziellen Notwendigkeit werden. „Er sagte, ich müsse Alimente zahlen, weil die Kosten für die Kita explodieren. Auch für die Schulausbildung sollte ich die Brieftasche aufmachen!“ Doch viel schwerer als der finanzielle Verlust wiegt die Enttäuschung über Michas unehrliches Verhalten, welches wohl schon während der Zeit in der gemeinsamen Wohnung begann. „Er hätte doch sagen können, dass wir einen Sohn haben. Aber selbst bei seinem Auszug vor 6 Monaten – kein Wort.“

 

Doch damit nicht genug! Über 2 Jahre später erfuhr Jaqueline, dass Micha auch von einer weiteren Frau Alimente bezog. „Ich war schockiert, mein Leben war völlig verändert.“, erinnert sie sich, als sie ihrer „Co-Alimente-Zahlerin“ am Briefkasten von Micha begegnete. Als Konsequenz entschieden sich die Getäuschten für einen Mutterschaftstest, welcher beide als leibliche Mutter eindeutig ausschloss. „Ich war von Anfang an misstrauisch. Micha und ich haben blaue Augen und blonde Haare. Aber Lee-Jamal hat dunkle Augen. Auch wenn sie gut zu seiner braunen Haut und dem krausen Haar passen, irgendwas konnte da nicht stimmen.“ Das bis dahin zu Unrecht gezahlte Geld hat Jaqueline nie wieder gesehen, weil Micha mit seinem Sohn inzwischen bei der Mutter in Tunesien dauerhaft Urlaub macht und die politischen Unruhen das Auslieferungsverfahren hinauszögern.

Dieser Fall macht betroffen. Doch so wie Jaqueline ergeht es immer mehr Frauen. Und dies nicht am Rand der Welt, sondern inmitten unserer Gesellschaft. Männer nutzen gezielt die Schlupflöcher des Systems und schwängern Frauen, um später Ansprüche geltend machen zu können. Mal fehlt das Geld für die Universität, mal braucht der (unbekannte) Nachwuchs eine Spenderniere. Den irritierten Müttern bleibt nur der Gang zur Sparkasse oder ins Hospital.

Erschreckende Erkenntnisse

Nachdem in den letzten Wochen und Monaten tausende solcher Berichte unsere Redaktion erreicht haben, nahmen wir uns dieses von den Medien totgeschwiegenen Problems an. Bei den Recherchen trafen wir auf den reumütigen Manni*, der unerkannt bleiben will und deshalb zu unserer Redakteurin nur hinter einer Schattenwand sprach, die hastig im Großraumbüro präpariert wurde. Wie so viele andere hat auch Manni seiner ehemaligen Frau ein Kuckucksei ins Nest gelegt und ihr erst viel später davon erzählt. „Anfangs ging es mir gar nichts ums Geld. Unsere Firma führte wieder Massenentlassungen durch, und ich wollte einfach durch das Kind bei der Sozialauswahl mehr Punkte sammeln. Zuerst dachte ich an eine Behinderung und wollte mir das Bein absägen, aber das Kind schien mir der leichtere Weg zu sein. Und für eine Geschlechtsumwandlung bin ich noch zu jung.“

Frauen- und Mütterorganisationen bestätigen die Systematik hinter diesem Vorgehen. „Die vormals zur Frauenförderung eingesetzten Instrumente wie Quoten, Sozialauswahl oder Hilfen für Alleinerziehende werden von den Männern gezielt ausgenutzt, indem sie ohne Einwilligung der Partnerin Kinder zeugen und diese dann für ihren eigenen Vorteil missbrauchen“, geht aus einem offiziellen Bericht hervor. „Die Mütter werden erst benachrichtigt, wenn die Männer darin irgendeinen Nutzen sehen. Manche Mütter erfahren erst nach 20 Jahren oder in manchen Fällen niemals, dass sie ein Kind oder gar mehrere haben.“

 

Neben dem finanziellen Aderlass schmerzt v.a., dass eine zumindest teilweise Übernahme des Sorgerechts nicht nur juristisch schwer herbeizuführen ist, sondern auch wenig erfolgversprechend erscheint. Aufgrund des drastischen Missverhältnisses zugunsten männlicher Einflussnahme auf den Nachwuchs stufen die meisten Mütter die Chancen auf eine Rehabilitation der eigenen Kinder als gering ein, so dass eine Verbesserung der Kindeszukunft auch nach Bekanntwerden des Sachverhalts unwahrscheinlich ist. „Die Tatsache, dass die Kuckuckskinder überwiegend bis ausschließlich ohne weiblich – pädagogische Korrekturen heranwachsen, wirkt sich verheerend auf deren Persönlichkeitsentwicklung aus“, fasst der Bericht resignierend zusammen. „Besonders dramatisch ist diese Entwicklung bei Kindern, die (auch) männliche Erzieher und Lehrer vorgesetzt bekommen. Bei Fällen, in denen diese Kinder bereits das Erwachsenenstadium erreicht haben, waren eindeutige Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen. Die Symptomatik reichte von der Verteidigung gleichberechtigter heterosexueller Partnerschaften und geteiltem, gleichmäßigen Sorgerecht im Falle von Scheidungen bis hin zur Ablehnung vegetarischer Ernährung. Diese Muster müssen leider als irreversibel eingeschätzt werden.“

Lippenbekenntnisse und Aktionismus

Besondere Brisanz erreicht dieses Thema noch zusätzlich durch das Wegducken unserer Politiker. Anstatt die Erkenntnisse in Gesetze umzuwandeln und Frauen generell alle Kindes-Verantwortung einzuräumen, halten die Machos und Ja-Sagerinnen in der Politikspitze an der längst überholten Meinung fest, auch Männer sollten Rechte in puncto Erziehung und Sorgerecht am Nachwuchs halten. So ist es bspw. nach wie vor möglich, dass Väter nach dem Scheitern einer Beziehung beim Gericht ihr Sorgerecht geltend machen können. Dieses Recht gilt selbst dann noch, wenn die Mutter dies nicht will!

Wie sehr die Diskussionen rund um dieses Thema in die falsche Richtung gehen, lässt sich auch an jüngsten Entwicklungen erkennen, wie der Debatte um die „Pille danach“. So hat die EU-Kommission europaweit die Pille danach für rezeptfrei erklärt, doch das geht vollkommen an der Problematik vorbei. Vorneweg: Selbstverständlich sollte die Pille danach rezeptfrei erworben werden können. Es ist Frauen nicht zuzumuten, dass sie stundenlang mit dem Arzt die medizinischen Vor- und Nachteile der Pille danach besprechen, nur weil der Mann wieder nicht seiner Pflicht der Verhütung nachgekommen ist. Da Sex an sich bereits immer eine Art der weiblichen Unterdrückung darstellt, ist eine ungewollte Schwangerschaft folgerichtig per se die Schuld des Mannes. Denn Unterdrückung kann nicht auch noch mit Verantwortung einhergehen, und genau darum geht es bei Verhütung. Es ist insofern auch nur folgerichtig, dass potenzielle Väter nicht informiert werden müssen, wenn man die Pille danach nimmt. Erst nicht aufpassen und dann noch die Selbstbestimmtheit der Frau einengen wollen… Soweit kommts noch!

 

Doch genau dies widerfährt, allerdings auf Umwegen, Millionen Frauen, die Opfer von Kuckuckseiern werden: Da ihnen das Kind vom Mann untergejubelt wird, können sie wegen des Nichtwissens um die Situation auch nicht in den Schwangerschaftsprozess eingreifen. Diese hinterhältige Methodik der Männerschaft würde durch die simplen oben aufgeführten Maßnahmen konterkariert und unschädlich gemacht: Denn wenn sämtliche Erziehungs- und Sorgerechte, wie es die Natur will, alleinig bei den Frauen lägen, würde sich die fiese Masche der Männer nicht mehr lohnen. Sie könnten kein Unterhalt mehr geltend machen, sondern müssten im Umkehrschluss selbst die Haushaltskasse plündern, sobald die Mutter Kenntnis von ihrem geheim gehaltenen Kind erlangt.

 

Doch bis dahin dürfe es noch ein langer Weg sein. Zu unaufgeklärt ist unsere Gesellschaft bisher, zu träge die herrschende Kaste. Anstatt betrogene Frauen wie Jaqueline-Chérie M. zu unterstützen, anstatt die Welt ein wenig gerechter zu machen, indem man die männliche Elternschar komplett entrechtet, werden Frauen von Politik und Gesetz im Stich gelassen. „Ich musste den Mutterschaftstest sogar selbst bezahlen!“, echauffiert sich Jaqueline zu Recht. Ein Armutszeugnis für eine aufgeklärte Gesellschaft, in welcher Frauen doch lediglich nach Emanzipation und Assimilation streben.

 


*Name von der Redaktion geändert


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