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Nichts mag der Deutsche lieber als seinen geregelten Alltag, aufgeteilt in klare Abläufe und Strukturen: Nach dem genervten Aufstehen wird erst mal 1 großer Kaffee bei Starbucks für 8,50 EUR gekauft, dazu n Kippchen polnische Pall Mall zum Warten. Auf Arbeit wird den ganzen Tag im Kopf durchgerechnet, wie lange man steuerlich betrachtet wieder für Vater Staat mitarbeiten muss, bis man nach unmenschlichen 8 Stunden (davon 3,5 netto gearbeitet) endlich nach Hause auf die Couch darf um Berlin Tag und Nacht zu schauen. Läuft der Feierabend gut, schläft man irgendwann besoffen nach dem 14. Dosenbier ein. Zum Glück hat der Weihnachtsmann letztes Jahr die Spielkonsole ins Kinderzimmer gebracht, denn für Aurora-Miley (6 Jahre alt), Florenz-Britney (5) und Scarlett-Charisma (4) war heute wirklich keine Zeit. So konnten sich die Kinder wenigstens mit GTA gegen die Langeweile wehren, denn nichts liegt dem Deutschen so sehr am Herzen wie seine Kinder! Zu diesem stressigen Alltag gehört ebenso maßgeblich, dass auch unser ach so aufgeklärtes Weltbild seine Gültigkeit behält. Vermehren sich nicht gerade die Sterne auf den Nationaltrikots, sind Veränderungen ansonsten äußerst unwillkommen. Doch dieses Weltbild wurde durch die Nachrichten der vergangenen Wochen nachhaltig erschüttert. Die Schockstarre hallt noch immer nach, was wohl der Grund dafür sein muss, dass sich niemand in diesem Land den Aufmarsch der Hooligans in Köln gegen Salafisten erklären kann.

Die Medien waren über dieses quotenträchtige Ereignis in etwa genauso erfreut wie unsere Politiker und „Experten“ erschüttert: Etwa 4.800 Hooligans haben sich am Kölner Bahnhof bei Bier und Pommes versammelt, um gegen Salafisten zu demonstrieren, die, wie bekannt ist, drauf und dran sind, das christlich-abendländische Deutschland auszulöschen (als ob das bedauernswert wäre!). Neben dem offensichtlichsten fun-fact, dass sich hier systemfeindliche Antidemokraten treffen, um das eigene Land vor systemfeindlichen Antidemokraten zu schützen, birgt die Berichterstattung selbst und die Sprachlosigkeit und Verwunderung unserer Medien und Politiker noch so manch Amüsantes, worauf man ja nicht mal zu hoffen wagte.


Die Kernfrage über allem war: Wie konnte sich so viel Hass und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland entwickeln? Zusammen mit der einhergehenden Verwunderung, dass es aber augenscheinlich so ist, treibt dies vielen Akteuren Sorgenfalten auf die Stirn, die tiefer sind, als so mancher Schützengraben.

Deutschland ist, das ist Allgemeinwissen, doch allenfalls ungefragter Berater und finanzieller Retter Europas. Ausrichter der tollsten (gänzlich korruptionsfreien...) WM aller Zeiten 2006. Und wie zur verfrühten Unterstreichung der ARD-Themenwoche hatten wir sogar schon einen homosexuellen Außenminister. Toleranz wird bei uns so groß geschrieben, dass nicht mal die eingerissene Berliner Mauer den 8 Buchstaben genug Platz geboten hätte. Aber eigentlich hätte man die trotzdem stehen lassen können, so ehrlich muss man schon sein...


Bei Gesprächsrunden und Diskussionen kommt, sofern man sich tatsächlich mal vernünftig unterhalten sollte, hinsichtlich des Nazi-Regimes während des 3. Reiches immer wieder die Nachfrage auf, wie es damals so weit kommen konnte. Wie konnte das nur passieren? So schwer diese Frage an Omas Kaffee-Tisch nach 5 Likörchen und 8 Magenbitter (die nach den 3 Fleischgerichten zum Mittag auch dringend nötig waren) auch zu beantworten ist, so sicher sind sich dennoch alle, dass so etwas heute nicht mehr geschehen könnte. Aber ist das tatsächlich so sicher? Schaut man sich unsere Politik an und hört man auf die Zwischentöne des gesellschaftlichen Tenors, beschleichen einen doch arge Zweifel.


Hinterwäldlerische Vorurteile als Wahlpropaganda

So hat bspw. die CSU ihr sehr positives Wahlergebnis bei den letzten Landtagswahlen nicht unwesentlich dem Wahlthema „Einwanderungspolitik“ zu verdanken. Jeder erinnert sich noch an die „Sozialtourismus“-Debatte, die im Wahlkampf losgetreten wurde und v.a. an Rumänen und Bulgaren gerichtet war. Dabei war dieses „Problem“ nachweislich an den Haaren herbeigezogen, lediglich gegen 12 Personen ausländischer Herkunft wurde im letzten Jahr wegen des Verdachts der Erschleichung von Sozialleistungen ermittelt. In ganz Bayern! Es konnte bewusst und faktisch völlig grundlos eine Abwehrhaltung gegen Ausländer geschürt werden mit der Belohnung, dass die CSU nicht nur wieder die absolute Mehrheit im Landtag errang, sondern auch noch mit Stimmenzuwachs im Vergleich zur Wahl 2008.


Im selben letzten Jahr stand das Volk, welches leidenschaftlich diese Sozialtourismus-Debatte führte, vor dem Münchner Justizpalast und forderte die Freilassung von Uli Hoeneß, „weil der doch so viel Gutes für den deutschen Fußball getan hat“. Man müsste mal spaßeshalber durchrechnen, wie viele „Sozialtouristen“ es bräuchte, um einem Uli Hoeneß in puncto Schmarotzertum ebenbürtig sein zu können – wir reden immerhin von knapp 30 Mio. EUR.


Außerdem ist Rumänien geradezu ein Produktionsparadies für bayerische Unternehmen. Ca. 1.400 Firmen haben Standorte in Rumänien mit teilweise 1.000 Angestellten, die hier als u.a. Ingenieure und Medizintechniker höchst anspruchsvolle Arbeiten verrichten, und das, verglichen mit Deutschland, nur zu einem Zehntel der Kosten. Unnötig zu erwähnen, dass sich diese spezielle Form des outsourcings auch steuerlich für diese Firmen lohnen dürfte.

Gleichzeitig werden regelmäßig „Austauscharbeiter“ für einige Monate nach Bayern geholt, wo sie für ihre Arbeit jedoch weiterhin den rumänischen Mindestlohn erhalten. Anstelle eines stattlichen Ingenieursgehalts gibt’s 300 EUR im Monat!


Bayern hat ein Modell gefunden, welches ausländische Menschen ausbeutet und für den deutschen Wohlstand arbeiten lässt und führt seinerseits einen populistischen Rachefeldzug, der vor Nationalismus und Ausländerhass nur so trieft:


Leni Riefenstahl wäre stolz gewesen!


EU-Politik als Beweis unfassbarer Empathie-Abstinenz

Es sind Zeiten, in welchen wir zwar allen Ernstes Debatten über Ampel-Weibchen führen, aber trotzdem ohne Gewissensbisse allen Ausländern kriminelle Energien und mangelnde Bildung unterstellen. Es werden aktuell wieder Bewerbungen für Olympia und die Fußball-Europameisterschaft angefertigt, aber Bürgerkriegsflüchtlinge lassen wir vor den Küsten Europas zu Hunderttausenden ersaufen, weil angeblich weder Platz noch Geld da ist. Und nicht nur das, Europa baut auch tatsächlich Zäune in Nordafrika und Griechenland, um die Reiselustigen zu stoppen. Auf groteskere und ignorantere Art und Weise kann man seinen Besitzanspruch und seine Verachtung gegenüber den Bedürftigen wohl kaum demonstrieren:


© Jose Palazon/Reuters; von: http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-10/melilla-fluechtlinge-eu-grenzzaun-foto
© Jose Palazon/Reuters; von: http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-10/melilla-fluechtlinge-eu-grenzzaun-foto



Unsere Meinungen bezüglich der Asylbewerber sind nicht nur selbstherrlich und v.a. rassistisch, sie sind auch vollkommen unlogisch. Dafür, dass die alle nicht lesen und schreiben können, trauen wir ihnen zu, dass sie sich in ihren völlig technologiefreien Hütten, wenn der Bürgerkrieg gerade Pause hat, ausgiebig per Laptop über europäische Sozialsysteme informieren und dann jenes heraussuchen, welches das meiste Geld für die wenigste Arbeit vorsieht. Und das ohne Kenntnisse der deutschen Sprache. Na sicher!

Nicht mal die Angestellten in deutschen Jobcentern kennen alle SGB-Regelungen, aber Afrikaner und Syrer wissen ganz genau, wo die Gesetzeslücken sind...

Im Gegenteil: Würden diese armen Menschen durch das Internet wissen, wie wir über sie denken, würden sie sich die Reise wohl noch einmal gut überlegen.


Unabhängig davon schimmert in alledem auch eine besorgniserregende Vergessenheit durch. Hochburgen der Vorurteile und der Ablehnung sind nach wie vor die neuen Bundesländer. Hier verwehren genau die Menschen den Verfolgten und Gepeinigten das kriegsfreie Leben, die sich vor nicht allzu langer Zeit selber noch über offene Grenzen zum Westen freuten und heute die ganze Welt bereisen. Offene Grenzen sind schon was tolles, aber bitte nicht für jeden... Biologen würden es wohl eher „selektiv permeable Membran“ nennen.


Im EU-Vergleich nimmt Deutschland zwar in absoluten Zahlen die meisten Flüchtlinge auf, aber verschwiegen wird, dass bereits um die Jahrtausendwende herum ähnlich viele Asylanträge vorlagen. Bis zum Jahr 2007 haben sich diese Zahlen auf fast ein Viertel reduziert und nehmen seither wieder zu. Aktuell gibt es ähnlich viele Asylanträge wie Mitte der Neunziger Jahre – von einer historischen Schwemme kann also keine Rede sein.

Die Werte der generellen Zuwanderung sagen im Wesentlichen dasselbe aus, die in den Medien kommunizierte Flüchtlingswelle ist bei Weitem nicht so gravieren und epochemachend wie behauptet:


Hinzu kommt, dass Deutschland, gemessen an der Bevölkerungszahl, sehr viel weniger Hilfesuchende aufnimmt, als immer getan wird. Bei Betrachten der folgenden Grafik kann man die Diskussionen einiger Politiker selbst durch die Patriotenbrille nur noch als bloße Stimmungsmache werten:

Letztlich sind alle angeblichen Argumente, es gäbe nicht ausreichend Platz und Geld, nichts als schlechte Ausreden. Ausländer sind willkommen, wenn sie sich als billige Arbeitskräfte anbieten und somit unseren Wohlstand sichern. Idealerweise tun sie das von ihrer zerbombten Heimat aus. Aber wir tun wirklich alles dafür um ja nicht den Eindruck zu erwecken, jemand könne auf Hilfe aus Nächstenliebe hoffen.


Im Grunde zeigen all diese absurden Diskussionen, was wir in Wirklichkeit sind, nämlich ein borniertes Volk voll verkappter Rassisten. Wir schieben Argumente vor wie Bildung (obwohl wir uns freiwillig kaum noch informieren und lernen), Faulheit und Schmarotzertum (und kaufen regelmäßig bei Firmen ein, die in Deutschland trotz Milliardenumsätzen keinen Cent Steuern zahlen) oder mangelnde Integrationswilligkeit (obwohl wir selbst diese Menschen in Stadtvierteln sich selbst überlassen und ihnen auch noch die Arbeitsgenehmigungen vorenthalten).

Auch immer gerne genommen ist das Argument, wir könnten nicht jedem in der Welt helfen und jedes Land müsse seines eigenen Glückes Schmied sein. Europa ist aber durch jahrhundertelange Kolonialpolitik und weltweite Missionierungen und Ausbeutungen maßgeblich mitverantwortlich für die heftigen globalen Unterschiede in puncto Technologisierung, Demokratie und demzufolge Wohlstand. Und auch heute noch wird mit Schmackes eine globale Wirtschaftspolitik betrieben, die die Unterschiede eher verstärkt denn bekämpft.


In Wahrheit geht es nur um eins: Wir haben panische Angst vor dem Verlust unseres Wohlstands. Wir teilen einfach nicht gerne.

Ich finde das nicht schlimm, im Gegenteil, es ist durchaus menschlich, dass man sein Hab und Gut behalten möchte. Aber dann sollten wir es auch genau so sagen: Uns soll es gut gehen, und die armen Schweine sollen genau dafür arbeiten und hungern und leiden. Die sind nicht so viel Wert wie wir. Was sind die auch so doof und werden in einem armen Erdteil geboren!?


Entrüstung entsteht allerhöchstens, wenn einige Nationalspieler die Hymne nicht mitsingen

Ich kann mir nicht helfen: Wir reden über völlig grundlose Diffamierungen hilfesuchender Flüchtlinge, die nicht zuletzt unseretwegen überhaupt erst die unmenschlichen Zustände in ihren Heimatländern erleiden mussten. Wir reden über unhaltbare Vorurteile, die aber inzwischen gesellschaftlicher Konsens sind. Wir reden über Regierungen, die Zäune baut, um sich das Pack vom Leib zu halten. Wir reden darüber, dass diese Menschen gefälligst unseren Wohlstand erschuften sollen, ohne selbst jemals Aussicht auf ein Leben ohne Hunger haben zu können. Wir reden über ein fettleibiges Volk, das normalerweise bei politischen Sachen völliges Desinteresse demonstriert (man schaue sich nur die Wahlbeteiligungen der vergangenen Jahre an), aber solche Panik vor Einwanderern hat, dass die Gemeindeversammlungen lebhafter werden als das Oktoberfest in München,obwohl hierzulande tonnenweise Lebensmittel verschwendet werden.

Gut, wir verfrachten die ungebetenen Besucher nicht mehr in Konzentrationslager – das würde ja auch dem geplanten Personalabbau im öffentlichen Dienst entgegenstehen. Aber wir schicken die Menschen zurück. Nur, was erwartet diese dort? Vermutlich wird der Krieg andauern. Aber ich bin sicher, abgeschobene Flüchtlinge (also Vaterlandsverräter) erwartet eine rosige Zukunft nach ihrer Ankunft daheim...


All das leben uns unsere Politiker vor. Dieses nationalistische Gedankengut wird hierzulande nicht länger bekämpft, sondern es wird als Wahlkampfthema benutzt, um Stimmen zu ergattern und auf diese Weise sogar noch befeuert. Und dann soll es unerklärlich sein, wenn in Köln Tausende Rechte gegen den Islam Mobil machen?! Das ist doch nur die logische Folge dessen, was „Politiker“ wie Seehofer („Multikulti ist tot“), Friedrich („Islam gehört nicht zu Deutschland“) oder der ehemalige Roland Koch („Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer“) mit ihren Nationalparolen verursacht haben.


Egal, wie man es auch zurechtbiegen will: Man kommt an der Tatsache nicht vorbei, dass Deutschland heute wieder für verdammt viele Todesopfer und verdammt viel Elend verantwortlich ist. Und wir alle, die wir elendig opportunistisch das widerliche Verhalten unserer Politiker absegnen, unterstützen diese katastrophalen Entwicklungen.

Das 3. Reich wird es in dieser Ausprägung von damals vermutlich so schnell nicht noch einmal geben. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass sich der Mensch an sich nicht verändert hat. Die Bereitschaft, Missstände anzuprangern, tendiert so lange gen Null, wie wir selber satt werden und es warm haben. Bequemlichkeit und Angepasstheit sind noch immer unsere liebsten Begleiter.


Und so verwundert es auch nicht, dass wir bestürzt die Nachrichten schauen, wenn wieder ein Tsunami ein Urlaubsparadies auslöscht, und dass wir debil grinsend dem Karneval der Kulturen beiwohnen. Reden ist so lange nutz- und bedeutungslos, wie die entsprechenden Taten ausbleiben. Oder wie Serdar Somuncu es treffend formulierte: " Protest wird nur in der Ausdauer glaubwürdig." Der wahre Charakter unserer Gesellschaft offenbart sich nicht in unserer telegen zur Schau getragenen Betroffenheit, sondern in dem, was wir nicht tun, nämlich handeln und helfen.


Wer auf eine bessere Welt hofft, muss unweigerlich hoffen, dass uns unsere Kinder und Kindeskinder für unseren ignoranten Egoismus verachten werden.


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Kommentare: 1
  • #1

    fetteSauvomORB (Freitag, 06 März 2015 08:35)

    Bester Artikel bisher. Fühle mich ertappt. Ich muss eingestehen das ich keinen Deut besser bin als die Masse derer um die es hier geht.
    So etwas sollte veröffentlicht werden. Nicht das sich etwas ändern würde ...