Nachschlag zum deutschen Exportschlager "Demokratie" - Wenn der Bäcker seine eigenen Brötchen nicht mag

Erst kürzlich spielten sich deutsche Politiker ungefragt als idealistische Demokratie-Fanatiker auf, als in der Ostukraine Wahlen abgehalten wurden, mit dem Separatistenführer Alexander Sachartschenko als erwarteten Sieger. Da Sachartschenko nicht der gewünschte EU-Freund ist, wurde die Wahl bei westeuropäischen Politik-Vertretern kritisch bewertet. So weit, so gut. Es ist erstaunlich, welch klares Verständnis unsere inländischen Politiker von Demokratie haben, wenn diese sie aus sicherer Entfernung beobachten können. Im Nahkampf ist es jedoch vorbei mit der Herrlichkeit.

Als erstes fällt auf, dass offenkundig für die Bewertung der abgehaltenen Wahl nicht vordergründig die eigentliche technische Durchführung ist, sondern das Wahlergebnis. Wäre ein EU-gerichteter ukrainischer Volksvertreter als Sieger hervorgegangen, hätte Steinmeier wohl keine Probleme mit der Wahl gehabt. Aber das ist reine Spekulation.


In Soziologen-Kreisen ist ähnlich weltfremdes Verhalten besonders aus Stammkneipen und Eck-Kaschemmen bekannt, wenn der Deutsche ein Fußball-Länderspiel schaut. Es gibt keine vergleichbaren Studien, in denen der Deutsche mit sich und der Welt derart im Reinen ist wie in diesen stets magischen 90 Minuten.


Krumme Dackelbeine, die seit der Geburt in Klumpfüßen enden, die wie liebevoll geknetete Hefeklöße aussehen, auch farblich, lassen jeden Orthopäden erschaudern. Am dünnsten sind die Streichholz-Beinchen dort, wo normale Menschen Muskeln haben, also an der Wade und am Oberschenkel. Es gilt bis heute als Wunder, dass die beigefarbenen Baumwollsocken den ganzen Tag stolz aus der Sandalette ragen und keinerlei Anstalten machen, sich zusammenzurollen. Vermutlich flüchten sie vor dem Fußpilz, der sich unter den gelben, holzigen Nägeln selbst domestiziert hat. Als Bekleidung wählt der passionierte Fußballschauer mit Vorliebe Kleidungsstücke, die endgültig als schlecht genähte Beweise für die Nicht-Existenz menschlicher Intelligenz angesehen werden müssen: Sind schon Schwangere im 9. Monat von ihrem eigenen Stolz und Glück übermannt, wenn kaum genug Gips für die Verewigung des kugelrunden Bauchs samt innewohnenden Wunschkinds vorrätig ist, so zelebrieren die männlichen Kneipenexperten die Wampen-Modenschau bis zu dem Punkt, an dem man sich nach sofortiger Erblindung sehnt. Entweder sucht die haarige Plauze aus einem 6 Nummern zu kleinen, mit Essenskrusten übersäten T-Shirt mit der Aufschrift „I fuck on the first date“ das Weite, oder ein buntes Hawaii-Hemd aus 100% Acryl ziert den massigen Oberkörper als Karikatur der Überflussgesellschaft. Das Design des Hemds ist noch verstörender als der beißende Körpergeruch, den das Material heraufbeschwört. Und damit das Männerkleid auch ja nicht den hart erfutterten Schwimmring kaschiert, wird es in die 10 Zentimeter kurze Jeanshose gesteckt, mit einem bemerkenswerten Effekt: Der Fettbauch wirkt dadurch noch mehr zum Zerbersten gespannt als ohnehin schon.


Die letzten Andeutungen von Haupthaar liegen schwitzig auf der deutlich sichtbaren Kopfhaut an, die 5 Strähnen sind geometrisch exakt parallel und quer über den Schädel gekämmt. Falls im Jubel mal eine Tolle verrutscht, ist mit den Kamm in der Arschtasche der absurd kurzen Jeanshose sofortige Hilfe greifbar. Da das Fett auf der Endlosstirn aber Lockenbewegungen nahezu ausschließt, kommt der Kamm deutlich häufiger beim akkurat gestutzten Oberlippenbart zum Einsatz, der zugleich die einzig gepflegte Körperpartie darstellt.


Dieser Prototyp des evolutionsbiologisch zwingend erfolgreichen Alphamännchens ist zwar nicht imstande, eine Bewerbung mit weniger als 17 Rechtschreibfehlern abzutippen. Aber er versteht es problemlos, in seiner angestammten Spelunke ein 4-Tage-Sauf-Wochenende um ein 90-minütiges Drittliga-Spiel herum zu planen. Während des Sportevents entlädt sich die Logorrhoe wiederkehrend feucht in den Nacken des Vordermannes. Eine beachtliche Anzahl an Schimpfwörtern lässt den Umgangston an der Rütli-Schule fast infantil-harmonisch wirken. Und obwohl der Sportbegeisterte niemals weiter als bis zum Jobcenter in der Kreisstadt gereist ist, hat er zu jeder Nationalität ein abfälliges Vorurteil parat, welches sich in einem Fundus aus schier unerschöpflichen Kombinationen mit ethnisch unkorrekten Begrifflichkeiten erschöpft.

Der wuchtige Kellner, der zugleich die Schwägerin des Ortsvorstandes ist, trägt liebevoll dafür Sorge, dass die herb beanspruchte Kehle feucht bleibt, was angesichts des engagierten Kettenrauchens samt Rumblökens eine Herkules-Aufgabe darstellt.


Dieser nur mit viel Sarkasmus als „Fußball-Interessierte“ zu bezeichnende Zeitgenosse hat nie auf erwähnenswertem Niveau Sport getrieben, nie zielstrebig trainiert und noch nie einen Mitspieler bei einem Volkssport-Turnier gelobt. Er weiß nicht, dass es Bücher über Sportpädagogik, Trainingslehre und Taktik gibt. Und dennoch gibt es keinen Zweifel, dass er der bessere Bundestrainer wäre. Und sollten seine strategischen und personellen Maßnahmen mal nicht greifen, würde er sich noch immer bedenkenlos zur Halbzeit selbst einwechseln können. Das wirklich bemitleidenswerte hierbei ist jedoch, dass sich dieser Profikneipengänger mit nichts in dieser Welt besser auskennt als mit Fußball.

Und wenn dann zum Abschluss des langen Wochenendes die 600 EUR-Rechnung auf seinen Deckel geschrieben werden soll, ist wieder eins gewiss: Sport ist nur solange eine vertraute Angelegenheit, bis das gestohlene Fahrrad gemeingefährlich auf dem Heimweg mühevoll auf der Straße gehalten wird.


Äquivalent dazu verhalten sich unsere demokratisch Aktiven, wenn es um Politikgestaltung geht. Jeder weiß, wie die Ukraine zu demokratisieren wäre. Jeder kennt die Lösung für den Nahost-Konflikt und alle Parteifunktionäre wissen, dass die Politikverdrossenheit beim Wähler begründet liegt.

Umso lustiger ist es dann, wenn sich unsere Parteien dann mal selbst demokratisch versuchen. In Thüringen waren die SPD-Mitglieder aufgerufen zu wählen, welche Koalition sie bevorzugen würden (die Wahl fiel auf rot-rot-grün). Die Wahlbeteiligung unter den parteilich tätigen SozialDEMOKRATEN lag bei gerade mal 78%! Das bedeutet, dass mehr als jedes 5. SPD-Mitglied es nicht für notwendig hielt, sich zur wichtigsten Frage zu äußern, die ein parlamentarisches System einer Partei stellen kann, nämlich die Frage nach der Regierungsbildung! Diese Menschen sind in einem freien, demokratischen Land parteilich organisiert und verstehen die Angelegenheit zur Generierung einer mehrheitlichen innerparteilichen Marschroute für die nächste Legislaturperiode als freiwillige Aufgabe, welcher man nachkommen kann, wenn es die Nachmittagsplanung zulässt.

Gar noch mehr Ernüchterung stellt sich beim äquivalenten Vorgang in Sachsen ein, wo es immerhin gut 64% der SPD-Mitglieder einrichten konnten, ihre Meinung zum künftigen Parteienkurs kund zu tun.


Und trotzdem steht die SPD diesmal nicht als Verlierer da, denn den Vogel hat Mario Voigt abgeschossen, Generalsekretär der CDU in Thüringen. Dieser sagte, dass bei Zusammenziehen der Nein-Stimmen und der Stimmenthaltungen die Hälfte der Mitglieder nicht dem rot-rot-grünen Bündnis zustimmen würden und stattdessen die CDU regieren sollte, da die Bürger diese zur stärksten Landtagsfraktion gewählt hätten.

Das ist geradezu ein Musterbeispiel für das Messen mit zweierlei Maß: Die CDU erhielt nämlich 33,5% der Stimmen. Das bedeutet, dass 2/3 der Wähler explizit nicht für die Union gestimmt haben. Berücksichtigt man noch die Wahlbeteiligung von 52,7%, also gut die Hälfte, will lediglich nur jeder 6. Wähler ausdrücklich die CDU in der Regierung. Aber schön, dass Herr Voigt diese nette Rechnung aufmachte, wir hätten ansonsten einen ordentlichen Lacher weniger gehabt.


Die Diskrepanz zwischen dem, was unsere Staatsmänner über Demokratie daherschwadronieren und dem, was sich von diesen Perlen der Weisheit sodann in ihrem Handeln wiederfindet, ist so groß, dass man in der Summe nicht weiß, ob man lachen oder auswandern soll. Mag dieser Realitätsverlust bei den Gescheiterten in der Eckkneipe noch unfreiwillig komisch und unbedeutend genug sein, um darüber hinweg zu sehen, wird es bei unseren Politikern irgendwann menschenverachtend. Als die Russen in die Ukraine eingedrungen sind, hat niemand etwas unternommen. Aber über die darauffolgenden „Wahlen“ wird sich dann heftig echauffiert. Was Wunder, dass dort einiges im Argen liegt. Aber schön, dass wir drüber gesprochen haben.


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