Was ein Abgang

Immer dann, wenn Prominente einen bemerkenswerten und v.a. berichtenswerten Schritt wagen, starrt der dickbäuchige, geistig phlegmatische Couch-Kaputtsitzer gerne hin und zerreißt sich das Maul. Gäbe es den geliebten Fußball nicht, würde der Deutsche vermutlich nur noch beim Lästern und Halbwissen-Auskotzen sportlich aktiv. Vermutlich hätten wir dann auch einen Läster-Bundestrainer, zum Beispiel Berlins Regierenden K. Wowi...

Dieser hat jüngst (angeblich unter stillem Beifall aller SPD-Politiker Berlins) seinen Rückzug vom Amt des Regierenden Bürgermeisters verkündet. Nach 13 Jahren des erfolglosen Versuchs, in die A-Promi-Riege aufzurücken und so einen Platz an der Juryseite von Dieter Bohlen zu ergattern, zieht sich Wowi nun zurück aus der grellen Öffentlichkeit in das schwarze Loch des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft BER. Schade eigentlich, es hätte mit Bruce Darnell ein äußerst dynamisches Duo entstehen können. Andererseits kann Wowi, so viel muss man ihm lassen, einfach zu gut deutsch, um beim Supertalent als Juror fungieren zu können.


Und da derlei Promi-Schritte im Volk so große Resonanz erzeugen, springen Journalisten, Kabarettisten, Comedians und Fernsehmacher gerne auf diesen Zug auf und versuchen sich an einer schnellen Mark. Nicht auszudenken, es gäbe keinen bissigen Kommentar zum enttäuschenden 6:1-Sieg der Nationalmannschaft im Testspiel gegen Italien, keine physische Verballhornung von Monika Lierhaus durch irgendeinen Komiker mit Hauptschulabschluss und keinen pseudo-intellektuellen Leitartikel in der Zeit zum neuen Kurs Chiles in der Pflegebranche. Es war also gewiss, dass sich sämtliche Meinungs-Absonderer auch zum Rücktritt Wowis äußern würden.


Grundsätzlich könnte man eine solche Nachricht auf 2 Wegen verarbeiten: Man schreibt einen Artikel, der das Geleistete zusammenfasst und die Persönlichkeit gebührend verabschiedet, oder man führt nochmal alles Schiefgelaufene auf und übergießt den Betreffenden mit aller Häme, derer man fähig ist.


Nun ist das aber im Falle von Wowis Abschied gar nicht so einfach, denn der Altmeister hat noch mal gezeigt, wo der Frosch die Locken hat! Loben kann man ihn kaum. Das einzige, was wirklich von ihm im kollektiven Berlin bleiben wird, ist der leidlich lustige Hippie-Satz „arm, aber sexy“. Ansonsten stehen 13 Jahre lang politisches Durchwursteln zu Buche. Dass Berlin finanziell arg in den Seilen hängt, hat er nicht allein zu verantworten, jedoch konnte er dieses Problem auch nie erfolgversprechend angehen.

Die daraus folgenden Probleme wie marode Schulen, kaputte Straßen, unterbesetzte Ämter, eingeschränktes S-Bahn-Angebot und ausufernde Mietspiegel ergeben sich kategorisch und werden auch folgende Amtsträger schlecht aussehen lassen. Hätte es Wowi bei dieser Bilanz gelassen, wäre er wohl, nüchtern betrachtet und ohne Berücksichtigung seines Promi-Gehabes, ein Bürgermeister wie viele andere auch.

Aber sein Promi-Wunsch und sein Bestreben, sich selbst ein Denkmal zu setzen, sorgen schließlich doch für ein sehr ungutes Gefühl, so dass mehr als genug Angriffsfläche für Kritik und Satire vorhanden wäre.


Allen voran wäre da natürlich der Flughafen BER zu nennen. Anstatt diesen Hut nochmals durchzukauen, hier nur kurz die Fakten:

Notwendigkeit: Flughafen vor Bau BER in Berlin: 3 (Tegel, Tempelhof,Schönefeld).

Kosten: bisher über 5 Mrd. EUR, Ende nicht in Sicht.

Planmäßige Eröffnung: Angeblich noch vor der nächsten Eiszeit.


Aber auch der Versuch, eine Landesbibliothek für 300 Millionen auf dem Tempelhofer Feld zu bauen, lässt einen angesichts des Berliner Haushalts erschaudern. So erging es wohl auch etlichen Berlinern, weswegen beim Volksentscheid konservativ statt finanziell-expansiv gewählt wurde.


Klaus als Medienprofi wusste natürlich, was die Stunde geschlagen hatte. Und anders als bspw. Partei-Buddy Schröder flüchtete er nicht durch die Hintertür in ein großes Industrieunternehmen, welchem er vorher großzügige Steuergeschenke machte. Klaus entschloss sich, den Spöttern und Kritikern zuvor zu kommen. Und Kinder, was war das für ein Schachzug!


Kabarett funktioniert oftmals mit Überzeichnung, Übertreibung. Was also hätte einem Fachvertreter einfallen können, um die Verschwendungssucht bei Großprojekten mit fragwürdiger Nachhaltigkeit auf die spitze treiben und somit endgültig der Lächerlichkeit preisgeben zu können? Ich denke, nicht wenigen wäre die Idee „Olympia“ gekommen.


Natürlich! Ein Jahr, nachdem das Bundesland mit dem höchsten Wohlstand und der besten Wirtschaft per Volksentscheid beschlossen hat keine olympischen Spiele auszutragen, weil das IOC als, gelinde gesagt, undurchsichtig angesehen wird, weil Kostenschätzungen von Politikern mittlerweile unglaubwürdiger sind als Loddars Eheschwüre, weil man gegen steuerliche Verschwendungssucht ein Zeichen setzen will und weil man erkannt hat, dass das Geld woanders bedeutend dringender gebraucht wird.

Was läge da näher, als ein solches im Grunde wenig sinnvolles, schweineteures Großereignis einfach dem Regierenden in den Mund zu legen? Die Stadt, die völlig pleite ist, holt sich endgültig ihren wohlverdienten finanziellen Sargnagel? Das Bundesland, welches mit Abstand am meisten Geld aus dem Länderfinanzausgleich nimmt, übernimmt eine Idee des Bundeslandes, welches am meisten in den Länderfinanzausgleich einzahlt und freiwillig und aus Vernunft diese Idee verworfen hat? Der schwule Soze aus dem hippen Berlin gibt das Geld der zutiefst bürgerlichen Oberbayern aus? Als letzten großen Gag jahrelanger Misswirtschaft, um dieses Olympia sodann später auch noch als Botschafter und Initiator repräsentieren zu dürfen, bezahlt aus Steuergeldern? Wie herrlich ist der Gedanke, dass Wowi unendlich viel nicht vorhandene Knete einer Organisation als Bestechung in den Rachen schmeißt, die die letzten Spiele an ein Land verkauft hat, das Homosexualität gesetzlich unter Strafe stellt?


Schon allein mit der Idee hätte man die Bayern derart auf die Palme gebracht, dass die einzig angemessene Strafe ein aufgezwungenes langes Wochenende auf einem Gutshof in der bayerischen Provinz sein kann, mit großem Lagerfeuer zum Abschluss...

Jetzt mal ehrlich: Das wäre gute Satire gewesen! Es hätte genau gepasst, wie Arsch auf Eimer. Es hätte äußerst witzig sein. Allein, es wäre vielleicht zu unrealistisch gewesen, zu gekünstelt, ein wenig zu übertrieben. Wer verschwendet überhaupt, kurz vor Freimachen des Throns, noch einen Gedanken an so ein Großprojekt unter all diesen Voraussetzungen?


Nun ja, manchmal sind Gedanken und Ideen so absurd, dass sie tatsächlich verwirklicht werden müssen, um glaubhaft zu werden. In jedem Fall ist Wowi gelungen, was bisher noch niemand vollbracht hat: Er hat mit seinem Tun einen Punkt erreicht, der nicht mehr zu karikieren ist. Es gibt keine Steigerung, keine Form der Überspitzung mehr, die nur im Entferntesten denkbar wäre.

Er hat es noch mal allen gezeigt. Was ein Abgang!


PS: Falls sich jemand beschwert, dass Klaus im Text nicht ein einziges Mal als „Politiker“, sondern stets als „Promi“ bezeichnet wird, dem sei gesagt, dass dies kein Zufall ist. Klaus hat sich dies wahrlich hart erkämpft.


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