Uli´s Welt - hoffentlich nur seine

Viele haben es noch gar nicht mitbekommen, auch weil die Medien ganz offensichtlich keinerlei Interesse an boulevardesken Einzelschicksalen und kriminellen Machenschaften zeigen, daher soll hier, abschweifend vom relevanten gesellschaftspolitischen Geschehen, auf den Fall des Uli H. aus Bayern aufmerksam gemacht werden.

Zuvorderst sei gesagt, dass der Umgang der Öffentlichkeit mit dem Fall, der Medien, der Bürger, der Begleiter von Uli beim FC Bayern ausnahmslos positiv zu bewerten ist. Aufgrund des herausgehobenen Prominentenstatus von Uli hätte man eine wahre Berichtsflut erwartet, in welcher auf allen Kanälen Sondersendungen laufen, die fortwährend dasselbe Bisschen wiederholen, was irgendein unseriöser Finanzbeamte gegen ein paar Taler und einen Dönerteller bei „Ali´s Gourmetbude XXL“ ausgeplaudert hat. Man hätte halbseidene C-Promis als „Experten“ erwartet, die ihren Senf dazugeben (diesmal nur für einen Dönerteller, keine zusätzlichen Taler), weil sie über Insider-Wissen verfügen. Entweder sind es „langjährige Freunde und Weggefährten“ von Uli (das wären dann aber Freunde, die nicht mal er verdient hat!), oder sie sind mal am gleichen Autobahndreieck vorbeigefahren, oder hatten, wie Loddar, gar keine Ahnung, über welches Thema sie reden sollten, als sie das Studio betraten. Interessant auch, dass trotzdem irgendwie die inhaltliche Konsistenz bei allen gleich gehaltvoll gewesen wäre.


Man hätte erwartet, dass das Volk sich durch die völlig übertriebene, unsachgemäße und äußerst unzureichend fundierte Berichterstattung entweder zu Amnestie-Bekundungen oder harten Vorurteilen, angelehnt an die Inquisition, hinreißen lässt. Dass sehr viel wichtigere Themen wie Bildungspolitik, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Energiewende und Staatshaushalt kurzweilig bis dauerhaft in den Hintergrund rücken, ja fast ausgeblendet werden würden. Aber nichts da, Pustekuchen! Für so viel Sachlichkeit und Unvoreingenommenheit muss man allen Beteiligten Respekt aussprechen. Offensichtlich ist, entgegen aller Unkenrufe, Deutschland doch noch keine Ansammlung von sensationsgeilen Wohlstandzombies, wo man sich nicht nur von solchen vermeintlichen individuellen Fehltritten von allen wirklichen Alltagsproblemen ablenken lässt, sondern sich auch noch ohne jedwedes Hintergrundwissen, persönlich, faktisch oder juristisch, eine feste Meinung zu einem komplexen Sachverhalt rein nach Sympathie bildet und diese bis auf den Tod vertritt. Puh, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber in so einer Gesellschaft würde ich auch nur ungern leben wollen...


Trotzdem ist das Thema natürlich irgendwann in den Zeitungen und den Fernsehsendungen aufgetaucht, gemessen an der Popularität von Uli und dem Sachverhalt, nämlich versuchter Steuerhinterziehung, nicht gänzlich überraschend.


Und es war ein Schock! Uli Hoeneß hatte Selbstanzeige beim Finanzamt erstattet. Hintergrund war ein Bankkonto bei einer schweizer Bank, auf welchem mehrere Millionen Euro gebunkert waren. Über die Beweggründe von Uli, dies anzuzeigen, wird bis heute wild gemutmaßt. Einige Experten, darunter viele Psychologen, loben seine Einsicht und Bodenständigkeit, andere werfen ihm kalkuliertes Blankziehen vor, um irgendwie doch noch aus der Nummer rauszukommen. Vor allem die Anhänger der letztgenannten Alternative sollten sich schämen!Wie kann man diesem ehrbaren Mann nur Absicht unterstellen? Das ist begrifflich schon sehr nahe an „Vorsatz“, und da dieses Wort auch für juristisch Ungebildete unerklärlicherweise schlimm klingt, kann das nicht sein!


Wenn man die Geschichte anhand der zahllosen Berichte verfolgt, die sich durch die Medien zogen, nachdem diese das Ganze nicht mehr für einen Scherz hielten, kann man sich doch wirklich nicht mehr gegen den armen Uli aussprechen! Der Fall ist sonnenklar:

Uli hatte versehentlich Gewinne aus Geschäften am Aktienmarkt nicht versteuert. Ist doch menschlich, und vermutlich schon jedem passiert. Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein...

Im Gegenteil, Uli gebührt Dank dafür, dass dieses schwierige Thema im neidverbissenen Deutschland enttabuisiert wurde. Als das Thema in den Medien hochkochte, waren ausländische Konten zum Zocken an Aktienmärkten endlich gesellschaftlich anerkanntes Gesprächsthema. Es tat so gut, darüber ohne schlechtes Gewissen reden zu können. Kein Sonntagsessen bei Oma, ohne ausufernd über Asset Backet Securities und Prime Standards zu schwadronieren. Im Freundeskreis wurden Leute gar verachtet, die nicht auf den Wertverlust der eigenen Währung setzten. Und am Arbeitsplatz löschte dieses Ereignis jahrelang dahin schwelende zwischenmenschliche und hierarchische Spannungen aus, weil endlich ein Themenkomplex gefunden war, über den sich alle Mitarbeiter beim Kaffeekochen und Rauchen unterhalten konnten. Nur Gleichstellungsbeauftragte fanden das alles nicht gut: Diese wurden gleich reihenweise gefeuert, da es durch die neu entstandene Harmonie unter den Menschen keine Reibungspunkte und polemischen Diskussionen mehr gab.


Na gut, zugegeben, Uli hatte das Konto jedes Jahr nicht bei der Steuererklärung aufgeführt. Aber dafür hatte er eine ebenso schlüssige wie naheliegende Erklärung: Er sei spielsüchtig gewesen. Oder, um seine eigene Formulierung aufzugreifen, er war nah dran.

Wer in der Vergangenheit glaubte, dieser Mann könne nicht mehr gottgleicher werden, wurde wieder mal durch den Altmeister selbst auf harsche Weise auf den Boden der Realität geholt. Wer dachte, Uli hätte seine Fans alles Legendenhafte bereits irdisch erleben lassen, sah sich arg getäuscht. Dieses Mal hatte er sich selbst übertroffen: Er hatte sich selbst von der Spielsucht kuriert, nachdem er massive Verluste mit seiner Zockerei hinnehmen musste. Und das ohne Anstoß, ohne Hilfe, bevor er in den Abgrund der Schulden und der Perspektiv- und Mittellosigkeit abzurutschen drohte. Warum hatte das bisher kein Arzt und kein Betroffener herausgefunden? Was machen denn unsere ganzen steuerlich subventionierten Wissenschaftler und Professoren der Gebiete Medizin, Psychologie und Neurobiologie bitte schön den lieben langen Tag? Kein Wunder, dass Uli das Steuergeld in der Schweiz auf seinem Konto besser aufgehoben sah als in der deutschen staatlich geförderten Forschungslandschaft! Selbstheilung der Sucht durch Einsicht! Das ist es, das Allheilmittel für alle Sucht-Patienten hierzulande!

Und was machen wir mit dem ganzen Geld, das jetzt ganz offensichtlich nicht mehr für Sucht-Kliniken benötigt wird?! Deutschland stand Kopf. Alle Gazetten brachten einen Artikel, in welchem sie das Thema aufgriffen und den (Über-?)Menschen Uli und seine Motive erklärten. Das Volk hatte endlich seinen König zurück (der Kaisertitel ist ja bereits vergeben, aber wenigstens bei derselben Krabbelgruppe), größer und würdiger als je zuvor!


Nur ewig Gestrige mussten wieder den Miesepeter mimen. Sinnlose, völlig unzutreffende Argumente wurden hervorgebracht. Dass diese in der absoluten Minderheit waren und man diese auch aufgrund der medialen und völkischen Gönnerhaftigkeit unter handtellergroßen Steinen suchen musste, spricht nur für dieses Land! Es könne keine Sucht gewesen sein, sondern viel mehr pure Gier, weil eine Sucht sich nicht unwesentlich dadurch kennzeichnet, dass man sich ihr eben nicht so einfach durch Rationalität entziehen kann.

Auch bedürfen Spielsüchtige auf dem Weg zur Heilung oft langer Therapien und der Hilfe von Ärzten und Hilfegruppen. Ferner hat ein ganz dreister Uli-Kritiker (vermutlich aus Bremen kommend) gefragt, was der Adrenalin-Kick beim Wetten im z.B. August mit der Angabe des Kontos im Rahmen der Steuererklärung im darauffolgenden Frühjahr zu tun habe, und warum dieser Kick es verbietet, die erzockten Gewinne zu versteuern. Die blasphemischen Äußerungen gingen gar soweit zu behaupten, dass die angebliche Spielsucht allenfalls das Zocken an sich erklären könne, aber nicht das Verschleiern des schweizer Kontos.

Als ob Uli sich das ausdenken und damit alle tatsächlich Betroffenen vor den Kopf stoßen würde, nur um Mitleid und Sympathie zu ergattern und seine persönliche Schuld zu mildern. Diese unhaltbaren Vermutungen verklären sich allein dadurch, als dass das deutsche Volk und die Medienlandschaft viel zu schlau und objektiv sind, um einen falschen Hasen für einen vorzüglichen Braten halten zu können! Sapperlot!


Historische Bedeutung erlangte dieser Vorfall überdies auch stochastisch: Der Zeitpunkt der Selbstanzeige, welcher mit dem überraschend gescheiterten Steuerabkommen mit der Schweiz zusammenfällt, gilt seither unter Mathematik-Wissenschaftlern als Inbegriff für den absoluten Zufall, der seitdem weltweit einheitlich mit der Konstante 1,11Elf angegeben wird und inzwischen in der Fachliteratur häufiger zitiert wurde als die Zahl Pi und das Wort „und“. Auch dafür gebührt Uli Dank!

Selbst hartgesottene Verschwörungstheoretiker konnten von allem konspirativem Gedankengut abgebracht werden, als sich die Bundeskanzlerin öffentlich von Uli distanzierte. War das ein Ausdruck von Freundschaft, sieht so Partnerschaft aus? Natürlich nicht. Und da diese beiden offenkundig keine Freunde sind, konnte Uli ergo auch keine Kenntnis vom Verlauf der Gespräche hinsichtlich des Steuerabkommens haben. So.


Im Laufe der wirklich ausgewogenen und ausgezeichneten Berichterstattung ging leider ein monumentaler Aspekt des Schaffens und Wirkens Ulis im Zuge der Steueraffäre ein wenig unter, obwohl Aufklärung hier essentiell gewesen wäre. Dies ist schlicht als Versagen des deutschen Qualitätsjournalismus anzusehen: Da Börsenspekulation, insbesondere das Setzen auf Nahrungsmittel und den Verlust der eigenen Währung in unvorstellbaren Summen, die man selbst gar nicht hat, in Deutschland bis zu dieser Affäre (siehe oben zur tabubefreienden Wirkung von Ulis Malheur) unerklärlicherweise ein Schattendasein führte und diskursrelevant noch hinter Frauen-Golf rangierte, ist es vielen unbescholtenen Bürgern nach wie vor unklar, weshalb ein Konto zum Zocken in der Schweiz angelegt wird, wenn es doch angeblich um Aktienhandel und nicht um Steuerhinterziehung gehen soll. Allen diesen schlichten Geistern sei gesagt: Es war Uli damals nicht möglich, von Deutschland aus diese Börsentätigkeiten zu vollführen. Uli trug damals eine Armbanduhr aus der österreichischen Handwerkskunst und wollte den anderen bayerischen Nachbarn nicht unnötig provozieren. Das aufbrausende Gemüt der Schweizer, speziell bei militärischen Einsätzen, ist hinlänglich bekannt. Man denke nur an die ganzen martialischen Persönlichkeiten, die diese Stahlhelm-Nation hervorgebracht hat. Man stelle sich die umhergehende, lähmende Angst vor, wenn Martina Hingis und DJ Bobo uns Deutsche nicht mehr leiden könnten. Am Ende kommen die wieder... Für dieses diplomatische Gespür, den zentraleuropäischen Frieden nicht unnötig zu gefährden, hat Uli damals zurecht die „Goldene verworrene Alpenbrezel“ erhalten.


Uli hat mit seiner Steuerhinterziehung aufgezeigt, was ein Mensch alles erreichen kann, wenn er sich höheren Zielen opfert und den menschlich innewohnenden Egoismus vollständig durch Gemeinsinn ersetzt. Uli ästhetisiert den Altruismus bis zur schöpferischen Unkenntlichkeit und erklimmt ein charakteristisches Niveau, welches man durch Kreuzungen von Gandhi und Da Vinci noch nicht mal in Sichtweite hätte. Doch unser Land scheint noch nicht reif dafür, es erweist sich als unwürdig. Uli hat das Heilmittel für Suchtkrankheiten gefunden, den Börsenhandel in Deutschland salonfähig gemacht, die außenpolitischen Verbindungen zur Schweiz mit Menschenfreundlichkeit gefüllt und ganz nebenbei die Mathematik revolutioniert – aber Dank? Von wegen...


Der bayerische Staat setzte dem armen Erfolgsmanager den sogenannten „Richter Gnadenlos“ vor! Im Rückblick bleibt festzuhalten, dass Ulis Äußerungen, die FC-Bayern-Mitglieder würden über seine Zukunft entscheiden, nur logisch und folgerichtig sind. Was soll denn so ein Halbgott auch von „seinem“ Demokratie- und Rechtsstaat halten, wenn er trotz aller Verdienste tatsächlich wegen eines kleinen Versehens wie ein Verbrecher vor Gericht erscheinen muss? Und dann wird auch noch ein schier übermenschlicher Richter eingesetzt, der tausende Seiten Kontobewegungen in 2 Tagen durchsehen und bewerten kann, was zuvor dem Finanzamt monatelang nicht gelungen ist...


Doch Uli wäre nicht Uli, wenn er nicht sogar noch vom Halbgott zum Märtyrer aufsteigen könnte! Er hat das unverhältnismäßig harte Urteil akzeptiert und ist mittlerweile die Gefängnisstrafe angetreten. Insider munkeln, dass er auf sämtliche Annehmlichkeiten verzichtet und auch von der Möglichkeit der Bewährung aus Prinzip keinen Gebrauch machen will. Die spätestens jetzt eintretende Sprachlosigkeit angesichts seiner Verdienste und seiner Persönlichkeit sind berechtigt.

Wer will, darf weinen.

Uli setzt immer noch einen drauf. Selbst Nelson Mandela war nur so lange im Gefängnis, wie er musste!


Zur kleinen Anbetung wurde in zigtausenden Stunden Kleinstarbeit eine CD zusammengestellt, die den harten, unbarmherzigen Knastalltag begleiten und erträglich machen soll.

Normalerweise würde man an dieser Stelle „zur moralischen Unterstützung“ schreiben, aber die hat Uli nicht nötig. Und wir sind unwürdig überhaupt anzunehmen, dies leisten zu können.

Es ist zwar bekannt, dass Uli sich zur Unterhaltung gerne des TV-Apparats bedient (gern geschaute filmische Meisterwerke sind „Die Verurteilten“, „Papillon“ und die Serie „Prison Break“), aber vielleicht kann diese CD für ein kleines Lächeln am Morgen sorgen, während er die erste Massage von Zellengenosse Ivan erhält.


Es muss schön sein, ganz allein da oben. Majestätisch, unnahbar, unzerstörbar, gottgleich. Aber es ist nur Auserwählten bestimmt, dies zu erleben. Uli setzt immer noch einen drauf in seiner Welt, die auch wirklich nur seine bleiben kann und darf.






CD-Cover:


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