Der deutsche Konsument

Wenn es ums Geld geht, ist der Deutsche ein Fuchs. Ein sehr schlauer, um es bestimmt zu formulieren! Nur wenige Themenbereiche des alltäglichen gemeinschaftlichen und politischen Geschehens werden derart realitätsnah betrachtet, mit Augenmaß und Weitsicht beurteilt und solidarisch ausgelebt. Natürlich nur, wenn es nicht auf Kosten der eigenen Brieftasche geht! Denn hier zieht der deutsche Dagobert mit grimmiger Mine und energischer Hand-Wisch-Bewegung die Grenze! Solidarität muss schließlich auch ihre Grenzen haben, und wo ist eine solche besser zu ziehen als an dem Punkt, an dem der eigene monetäre Vorteil gemindert wird?

Das Konsumverhalten des Deutschen ist zuvorderst durch gnadenlosen Egoismus gekennzeichnet. Gerechtigkeit in der Welt darf man fordern, hungernde Kinder und Ausbeuterfabriken sind natürlich zu verachten, aber wehe!, die Milch wird um 3 Cent teurer! Dann wird der Konsum-Fuchs fuchsig. Wieso auch soll der Nachbar Heinz, der sein Geld als Milchbauer verdient, noch mehr Knete damit scheffeln als ich? „Ich hab nicht den Luxus, von zu Hause aus zu arbeiten! Kann nicht mit meinen Haustieren den Tag verbringen und werde dafür auch noch bezahlt! Wenn ich einen Job hätte, müsste ich früh mit dem Bus zu Arbeit fahren! Jeden Tag! Und den Busfahrer kenn ich, das ist n Arschloch! Das werde ich dem Heinz auch morgen auf seiner Grillfete sagen – aber erst nach dem Essen.“


Etwa ein Viertel der erwerbsfähigen Deutschen arbeitet im Niedriglohnsektor, damit hat Deutschland europaweit den 2. Platz inne. Nur in Litauen arbeiten mehr Menschen im Niedriglohnbereich. Aber es gibt nicht nur Positives aus unserem Land: Bei den Reallöhnen sind wir EU-weit ganz hinten, inflationsbereinigt haben diese dasselbe Niveau wie schon vor 19 Jahren. Bemüht man Statistiken, bspw. für den Zeitraum 2000 bis 2010, stieg der Lohn immerhin um 5,79%. Wäre grundsätzlich nichts schlimmes, wären nicht im selben Zeitraum u.a. die Energiekosten explodiert. Ein Liter Benzin kostete im Jahr 2000 noch etwa 1 EUR! Erdöl, Strom, auch Mieten usw. - alles wird teurer! Dazu ständig zusätzliche Steuerbelastungen. Wer erinnert sich schon an ein Beispiel der letzten Jahre, in dem Steuern gesenkt wurden? Man muss schon Großindustrieller sein, um auf diese Frage spontan antworten zu können. Wir fragen mal Nokia oder amazon. Obwohl das nicht vielversprechend wäre, die Begriffe „Steuern“ und ´“Standort Deutschland“ können diese Firmen nachweislich nicht inhaltlich miteinander verknüpfen.


Die Kernfrage ist nun: Wenn beständig für alles immer mehr bezahlt werden muss, aber hierzulande immer weniger verdient wird – was passiert mit dem Geld? Die naheliegende Antwort, die vermutlich sofort aus der Stammecke jeder Kneipe mit rauchiger, heiserer Stimme geblökt wird: „Das geht nach Griechenland!“, ist als Erklärung nicht ausreichend. Denn es sind doch nicht nur unsere Politiker, die wir im Übrigen ja selber wählen!, die das Geld jedem zwielichtigen Unternehmer und jedem bankrotten Staat auf Nimmerwiedersehen in den Rachen werfen – es sind in erster Linie die Konsumenten, der deutsche Bürger! Laut statistischem Bundesamt betrugen die privaten Konsumausgaben pro Haushalt 2012 2.310 EUR. Bei etwa 40 Millionen Haushalten in Deutschland ergibt das ein Volumen von 92,4 Milliarden EUR. Zum Vergleich: Mit den beiden Rettungspaketen für Griechenland wurden etwa 150 Milliarden ausgezahlt, ca. 75 Mrd. pro Paket. Mit diesem Geld wurde die gesamte Volkswirtschaft der Griechen notgedrungen am Leben erhalten. Diese 150 Mrd. beziehen sich auf die Jahre 2010 bis 2014, die 92,4 Mrd. EUR Konsumausgaben der Deutschen beziehen sich auf 1 Jahr!

Nun erscheint es sicher nicht richtig, die Ausgaben für die Rettungspakete läppisch als peanuts abzutun. Im Gegenteil, die Größenordnungen sind derart beträchtlich, dass die meisten Bürger sich diese Menge Geld gedanklich nicht vergegenwärtigen können – selbst, wenn wir ein funktionierendes Bildungssystem hätten. Aber es zeigt sich im Vergleich auch, welche Macht der Privatkonsument hat!


Und der Bürger ist sich dieser Macht selbstverständlich bewusst! Das merkt man schon daran, wenn man mal ein Einkaufscenter, wie es sie mittlerweile bereits in jeder Gemeinde gibt, durchquert: Es sind immer dieselben Geschäfte, die sich einem dort aufdrängen: mediamarkt oder Saturn, pimkys, peek & cloppenburg, Abercrombie and Fitch, Douglas, McDonalds oder Burger King... Die Aufzählung ließe sich noch eine Weile fortsetzen. Und das tollste daran ist, dass sich diese Einkaufscenter alle wie ein Ei dem anderen gleichen. Die Center zeigen das Kernproblem deutschen Konsums überdeutlich auf: Der Deutsche ist blöd wie 3 Meter Feldweg!

Denn wie viele dieser Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Deutschland und zahlen hier voll Steuern? Es darf wild drauf los geraten werden... Und wie viele der in diesen Geschäften Angestellten bekommen einen guten Lohn und vernünftige Arbeitsbedingungen? Gewerkschaftsrechte, langfristige (im besten Fall unbefristete) Arbeitsverträge, Urlaub über dem gesetzlichen Mindestanspruch, familienfreundliche Arbeitszeiten... Darüber denkt hierzulande niemand nach, sofern er nicht selber, vom Jobcenter verpflichtet, bei Douglas Samstag Abend um halb acht Parfümproben anpreisen darf.


Wofür gibt der Durchschnittsdeutsche sein Geld aus: Riesenfernseher, teure Markenklamotten (Pullover von Hollister, Schuhe von Nike), Fast Food, völlig überteuerte Duftwässerchen... So gut wie nichts von dem Geld bleibt aber in Deutschland, fast keins dieser Produkte entstammt einheimischen Produktionen! Wir geben gerne für ein T-Shirt das Doppelte aus, nur weil im Kragen ein namhafter Hersteller eingestickt ist, und ärgern uns über nachvollziehbare und oftmals geringfügige Kostensteigerungen bei landwirtschaftlichen Produkten! Die Frage sei an dieser Stelle erlaubt: Wo, zum Geier, kommt denn dieser völlig schwachsinnige Gedanke her, dass Kartoffeln im Grunde kostenlos angeboten werden sollten, während die Leute stattdessen ohne jede Notwendigkeit halbjährlich 500 EUR für das neueste smartphone ausgeben?


Die Antwort darauf kann nur lauten: Wohlstand! Steht uns ja zu, haben wir uns nach dem Krieg erarbeitet. Diese steile und zutiefst rassistische These entbehrt zwar jedweder wirtschaftshistorischen Tatsache, hält sich aber fußpilz-hartnäckigst in den Köpfen der Bevölkerung. Um das an dieser Stelle mal klarzustellen (besonders die stolzen Älteren sollten diese Passage überspringen – jetzt wird es ernüchternd): Deutschland wurde zum Ende des zweiten Weltkriegs medienwirksam zerbombt, jedoch keinesfalls vollständig, auch wenn die TV-Bilder regelmäßig andere Eindrücke vermitteln.Angegriffen wurden große deutsche Städte, wie Hamburg oder Dresden, und hier fand auch ein ausuferndes Maß an Zerstörung statt. Damals wie heute jedoch waren historische Innenstädte tendenziell seltener Standorte von Großindustrie. Fabriken, Manufakturen, Umschlagplätze, Kraftwerke usw. waren auch damals schon zentrumsfern in Randgebieten untergebracht. So ästhetisch und kulturell bedeutend die Dresdener Altstadt auch ist, und so bedauerlich auch ihre Zerstörung – Der Einfluss auf die bundesdeutsche Industrie tendiert gegen Null! Ebenso überstand die Infrastruktur zu bedeutenden Teilen die Wut der Alliierten – es wäre auch recht aufwendig, alle Eisenbahnstrecken und alle Straßen und Autobahnen aus der Landschaft zu bomben. Vor allem in Hinblick auf die Autobahnen wäre es darüber hinaus auch sehr bedauerlich gewesen, waren diese zu großen Teilen doch fast nagelneu! Aber vermutlich wollten die Alliierten den Zorn der Deutschen nicht unnötig entfachen: Man wusste mittlerweile, wohin das führen kann. Also entschied man sich salomonisch für die geordnete Zerstörung der Innenstädte: Die waren zwar hübscher, aber wenigstens klebte hier nicht mehr der Arbeitsschweiß der bestehenden Bevölkerung an den Mauern. Bei den Autobahnen war das anders: Da waren noch die Handabdrücke der Kriegsverlierer im Beton, derer, die in der Folge wieder brav als privatwirtschaftliche Abnehmer die amerikanische Konjunktur beleben sollten. Hier hätte sich deutscher Greul nachhaltig auf das Bruttoinlandsprodukt der USA ausgewirkt!

Wirtschaftshistoriker beurteilen heute, dass etwa 90% der deutschen Industrie den Krieg unbeschadet überstand. Aber durch die mediale Berichterstattung hatte das deutsche Volk den Eindruck, es sei am Boden. Natürlich ging es den Menschen in Europa nach dem Krieg schlecht, die Folgen waren Hunger, Armut, Elend... Die gesellschaftliche, postnationalistische Neuordnung in Folge der Besatzungszonen tat darüber hinaus ihr Übriges. Aber Fakt ist, dass die Grundvoraussetzungen einer funktionierenden Industrie vorhanden waren! Es entstand ein Nährboden, der hinsichtlich eines „Wirtschaftswunders“ kaum hübscher am Reißbrett entworfen werden könnte: Ein Volk gut bis sehr gut gebildeter Arbeiter (der Krieg war furchtbar und sinnlos, aber bei aller Zerstörung: Warum sollten die Menschen damals in den Jahren des Kriegs ihre Bildung verloren haben, die sich vorher über Generationen hinweg stetig verbesserte?), welches jeden noch so schlecht bezahlten Job annimmt, um wieder auf die Beine zu kommen. Eine bestehende, gut ausgebaute Infrastruktur. Und eine Großmacht aus Nordamerika, die, speziell in Form des Marshall-Plans, alles an zusätzlicher technischer Unterstützung und Subvention zur Verfügung stellt, damit Europa sich wieder erholen und als Absatzmarkt für amerikanische Produkte fungieren kann.

Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren war der schnelle wirtschaftliche Aufschwung kein Wunder, er war eine notwendige Folge! Es wäre umgekehrt ein Wunder gewesen, hätte sich die deutsche Wirtschaft unter den Gegebenheiten nicht in rasantem Tempo erholt!

Aber das hört in diesem Land niemand gern, am wenigsten die Nachkriegsgeneration selber. Es ist viel angenehmer, sich für sein Lebenswerk zu ehren, als demütig für die zweite Chance dankbar zu sein, nachdem man kurz vorher als Volk ganz Europa unterjochen wollte!

Und genau in diesem gedanklichen Kunst-Konstrukt liegt auch der Rassismus noch zutiefst verwurzelt, denn im Grunde sagen alle Wiederkäuer dieses „Wirtschaftswunder-Märchens“ nur eins: „Wir haben uns am eigenen Schopf aus dem Dreck gezogen, also können das andere Länder auch! Und die 3. Welt- und Schwellenländer, die das nicht können, sind entweder zu dumm oder zu faul!“ Abgesehen davon, dass Soziologen längst herausgefunden haben, dass es weltweit in puncto „Arbeitsfleiß“ keine signifikanten Unterschiede gibt, ist die Mär vom „arbeitswütigen Deutschen“ auch insofern interessant, als dass es nur einen Blick in eine deutsche Behörde oder ins spärlich besetzte Parlament braucht, um daran zumindest mal kurz zu zweifeln... Zweifellos arbeiten hier viele Menschen wirklich hart. Aber wir sind inzwischen auch ein Land, in welchem man zielsicher mit volkswirtschaftlich arg schwachsinnigen Versprechen wie „Rente mit 63 bei vollen Bezügen“ im Wahlkampf auf Stimmfang gehen kann.


Dass uns demzufolge der Wohlstand eher zugeflogen ist und weniger erarbeitet wurde als viele glauben, sollte verpflichten, aber nicht belasten. Wir hingegen belasten uns mit blinder Konsumwut, und blenden jedwede damit einhergehende Verpflichtung aus. Wir haben gelernt, dass Konsum auch ohne Bedürfnis möglich ist und fragen nicht mal mehr, woher die Produkte kommen und zu welchem Preis. Im mitteleuropäischen Wohlstand leben zu dürfen heißt doch nicht zwangsläufig, dass man sich kritik- und gedankenlos in ihm verlieren muss.


Der Deutsche beklagt sich über die zunehmende Vereinnahmung des Privaten durch berufliche Zwänge, verlangt aber, dass Geschäfte am besten 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche geöffnet haben. Öffnungszeiten bis Samstag 20 der gar 22 Uhr sind in den letzten Jahren eher die Regel als Ausnahme geworden. Ist es wirklich notwendig, dass Supermärkte Montag bis Samstag von 7 bis 22 Uhr begehbar sind?

In Deutschland führen kurzfristig gehaltene Angestelltenverhältnisse, Schichtarbeit, geringfügige Beschäftigungen nachweislich zu Krankheit und Abhängigkeitsverhältnissen, was wiederum nicht zu unterschätzende Faktoren hinsichtlich Zukunftsplanung, finanzielle Absicherung, Familienplanung sind. Himmel sei Dank, nicht auszudenken, wir hätten jetzt auch noch ein Problem mit gesellschaftlicher Überalterung...


Für heutige Teenager unvorstellbar, aber es gab Zeiten, da waren Boutiquen in gewöhnlichen Innenstädten Samstag Nachmittag geschlossen. Und das Kino, das damals noch von ortsansässigen Einzelunternehmern betrieben wurde, zeigte den Film erst ab dem Vorabend! Ja, genau, den einen Film! Ganztägige Vorführungen von 20 parallel laufenden Hollywood-Produktionen waren in früheren, prähistorischen Zeiten noch weitgehend unbekannt.

Es ist inzwischen Usus geworden, seinen Samstag im Einkaufscenter zu verbringen. Das wird in diesem Land mittlerweile als tagesfüllende, sinnvolle Tätigkeit angesehen! Und, noch schlimmer, nicht selten sogar als Hobby!! Wo früher Einkaufen noch als „Beschaffung von Notwendigem“ angesehen wurde, leider verbunden mit dem unausweichlichen Verlust von hart Erspartem, weil das Geld eben knapp war, ist ein Shopping-Tag heute ein Event, ein Highlight, etwas, worauf sich Menschen freuen! Da verbringt man einen ganzen freien Tag, u.U. noch bei herrlichstem Wetter, in einem Shopping-Center mit künstlicher Klimaanlagen-Luft, schlechtem Essen und inmitten einer Menschenmenge, die einem das „Schlendern“ aufgrund der Platzenge unmöglich macht und aufgrund der Lautstärke auch vernünftige Gespräche nicht zulässt. Am Ende des Tages hat man nichts gekauft, was man auch nur ansatzweise notwendigerweise gebraucht hätte, nichts für seine Gesundheit getan, schlecht gegessen und in der Summe nur für Dreck viel Geld ausgegeben. Sinnloser kann man einen Tag nicht verbringen! Und das ganze ist gesellschaftlich so verankert, dass man schon als langweilig gilt, wenn man die Auffassung eines solchen „schönen Shopping-Trips“ nicht teil!

Die Steigerung dessen stellen nur noch Urlaube dar, die man aus Shopping-Gründen plant und antritt. Was spart man nicht alles, wenn man mal eine Woche in den USA shoppen ist!!! Die DDR-Bürger (das ist noch gar nicht so lange her!) mussten sich noch mit Reisen an die Ostsee begnügen, was hätten die darum gegeben, mehr von der Welt sehen zu dürfen! Heute fliegen Menschen nur zum Einkaufen in andere Länder!

Wahrscheinlich muss man das verstehen, diese Not, die diese Leute erleiden, dieses Warten auf den Urlaub, das Leben mit leerem Kleiderschrank, nichts zum Anziehen! Scham aufgrund der Nacktheit im Sommer, bittere Kälte im Winter, dreckverschmierte, rissige Haut an den unbeschuhten Fußsohlen... Bis endlich die Gelegenheit da ist: Der Arbeitgeber hat dem Urlaubsantrag zugestimmt, der Flug ist gebucht, die Visa sind beantragt. Wie ein Verdurstender sich den Krug frischen Wassers einverleibt, so stürzen sich die armen Seelen in die Geschäfte im Big Apple und in Los Angeles! Endlich Klamotten von Anbietern, die es nur in den USA gibt, exotische Marken wie adidas, Nike, Billabong, Diesel, Camp David...

Und was man da spart! Nur Unbedarfte würden entgegnen, selbst wenn man unterstellt, beim Kauf von Markenklamotten überhaupt sparen zu können, würde das Budget für Flug, Unterkunft und Verpflegung das Ersparte locker auffressen... Banausen, Ahnungslose, und wenn es ganz hart kommt: Neider! Denn das ist der letzte Aspekt, der die Konversation mit solchen Shopping-Touristen zum zweifelhaften Vergnügen werden lässt: Nicht nur, dass man vom Sparen und Leben nichts versteht. Man ist darüber hinaus insgeheim extrem neidisch auf diesen Urlaub und gönnt diesen den Protagonisten nicht. In völliger Verkennung der schieren Möglichkeit, dass ein solcher Shopping-Urlaub nicht den Gipfel des im Leben Erstrebenswerten darstellt und dass es Menschen geben könnte, die einen solchen Urlaub schlicht nicht wollen, wird man als jemand abgestempelt, der sich diesen Urlaub nicht leisten kann und es deshalb allen anderen grundsätzlich missgönnt! Die Option, dass allein der Gedanke an eine derartige Freizeitgestaltung eine krasse Form der Verschwendung von Lebenszeit darstellt, existiert einfach nicht. Aber vermutlich ist auch genauso ein schlichtes Gemüt zwingend erforderlich, um auf die Idee zu kommen, in die USA fliegen zu müssen, um dann beim Einkaufen zu sparen.

Wieder zurück, wird einem vorgerechnet, was man gekauft und, viel wichtiger, dabei gespart hat: Neue Sneakers, Jeans, Pullover... Gibts alles nicht hier. „Und ich hab das wirklich mal durchgerechnet, da wärst du in Deutschland allein für die Sneakers 20 EUR teurer gekommen.“ Leck mich am Arsch, ist das wahr!?

Aber am schönsten ist es, wenn dann Shorts gekauft werden. Bei Hosen und Oberteilen besteht ja zumindest noch die theoretische Möglichkeit, dass dies Stücke sind, die es hier nicht gibt und besonders chic sind, auch wenn es unwahrscheinlich ist. Vom Online-Handel mit der Möglichkeit der Übersee-Lieferung ganz zu schweigen. Aber Shorts: Die sieht doch niemand, wenn man sie trägt. Zumindest normalerweise... Und selbst wenn die Dinger nur halb so viel kosten: Das lohnt doch keinen USA-Trip! Stattdessen opfert man Teile des free-tax Kontingents für Alltagsklamotten, die vermutlich kaum jemand zu Gesicht bekommen wird. Man stelle sich einen Kollegen vor, der vom Urlaub erzählt und stolz verkündet: „Ich hab mir Shorts, Unterhemden und Socken da gekauft, sind einfach billiger. Wieder so schwarze Socken, aus Baumwolle.“ Kann man da noch an menschliche Intelligenz glauben?


Und wenn wir nicht beim Shoppen in den USA sparen, sparen wir eben bei Unternehmen wie primark.

Es sollte Allgemeinwissen sein, dass Deutschland während des 3. Reichs Juden unter menschenunwürdigen Bedingungen in Arbeitslager interniert und bis zum Tode aufs Grausamste ausgebeutet hat, und dennoch hat heute niemand auch nur den Anflug eines Problems damit, Blusen und Hosen für 3 oder 9 Taler zu kaufen! Wenn jedoch ein Kleidungsstück so viel kostet wie hierzulande ein Eisbecher, sollte einem dann nicht irgendwann eine Augenbraue fragend auf die obere Stirn entgleiten? Das Material (bspw. Baumwolle) muss angebaut, geerntet, abtransportiert und weiterverarbeitet werden, es werden Pullover und Shirts im Akkord von unterbezahlten Näherinnen erzeugt. Anschließend werden die Produkte von Großhändlern eingekauft und nach Europa transportiert, wo sie zu Dumping-Preisen in die dekadente, blöde Menge geschmissen werden. An all diesen Produktionsprozessen sind Menschen beteiligt und entstehen Kosten wie Wasser, Miete, Strom, Treibstoff, Arbeitsgeräte, im besten Fall steuerliche Abgaben verschiedener Art...

Wenn man jetzt noch in Betracht zieht, dass die Großhändler und Auftraggeber wohl den größten Teil des Gewinns einstreichen (von 2,50 EUR!), erhält man so langsam eine Ahnung, was die unterste Hierarchie-Ebene in der Produktion für ihre Mühen erhält – nicht viel. Dafür sind aber die Arbeitsbedingungen nicht so rosig. In Deutschland werden unzureichend klimatisierte Büroräume als hinreichender Grund für flächendeckende Streiks angesehen, in Ländern wie Bangladesch gibt es nicht mal so etwas wie Umweltauflagen für die Produktionsstätten!

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Textilindustrie wandert zunehmend von China nach Bangladesch, weil dort die Löhne noch zehnmal billiger sind. China ist das Land, das durch Sklavenarbeit mittlerweile eine globale Super-Wirtschaftsmacht ist. Es gibt dort Menschen, die in Käfigen leben, weil sie sich keine Wohnung oder sonstige Bleibe mehr leisten können. Aber die Löhne der Arbeiter sind noch viel zu hoch!!??

In den Fabriken in Bangladesch gibt es 7 Tage-Wochen, 12 handgestoppte Stunden täglich an der Nähmaschine, kein Sozial- oder Rentensystem. Mitarbeiter fallen trotz der katastrophalen Arbeitsbedingungen selten krankheitsbedingt aus, allerdings nur, weil sie sich den Arztbesuch und damit die Krankschreibung nicht leisten können. Wer ein T-Shirt für 2,50 EUR kauft, sollte sich bewusst sein, dass er zwar im Grunde nichts dafür bezahlt, dafür jedoch die Menschen am anderen Ende der Welt, die auch ohne diese „Schuld“ nichts besitzen.


Aber was will man von einem Volk auch verlangen, das für Uli H., dem bisher größten Steuerbetrüger Deutschlands, vor dem Münchener Justizpalast Amnestie fordert? Beliebtes Argument hier: „Kinderficker lassen se frei, und beim Uli!? Guck mal, was der alles für den deutschen Fußball gemacht hat, Alter!“

Es ist Volkssport, das Wochenende derart aufzuteilen, dass man Samstag Vormittag zum Tanken und Zigaretten holen ins nahegelegene Ausland fährt, nachmittags das Auto beim Kumpel schwarz reparieren lässt, und abends auf dem Balkon im 3 Stock grillt. Das Fleisch sollte unbedingt zart und frisch sein, aber nicht mehr als 1,50 EUR pro Steak kosten, womit wir wieder beim Thema „Produktionskosten“ wären. Aber wehe das Bier ist nicht deutsch! Dann wird der dickbäuchige Papa, der seit der Wende nicht mehr arbeiten war, und dessen Kinder Shakira, Chantal, Zoey-Alliah, und Maddox-Brad heißen, verflucht ungemütlich. Scheiß Ausländer, was verstehen die vom Bierbrauen!?

Sonntags wird „Bauer sucht Frau“ geguckt. Tagsüber die bisherige Staffel nochmals am Stück, damit man „wieder drin ist“, und abends die mit Spannung erwartete neue Folge. Zwischendurch vielleicht ein aktueller Kinofilm im Internet („geh ich doch nichts ins Kino für!“) und zur Landtagswahl gehen. Interessanterweise ist es Menschen in den neuen Bundesländern nicht zu doof, in einem Bundesland mit einem Ausländeranteil von 2% rechtspopulistische Parteien zu wählen, damit endlich mal einer was gegen dieses asoziales undeutsche Schmarotzertum unternimmt! Kann ja so nicht weitergehen! „In die Klasse von meinem Maddox-Brad sind da ständig 2 Ahmeds voll am Stören tun, da muss die Schule doch was machen, da! Voll logisch, dass Deutschland da voll abkacken tut! Krieg ich Plaque bei so Scheiße, was soll mit dem Maddox-Brad werden? Ich hab dem Maddox-Brad gesagt, spiel nicht mit die, aber dann, der wurde beim Sport in die gleiche Mannschaft gewählt, bist du voll machtlos da!“


Was könnte der Deutsche als Konsument nur durch eine etwas bedächtigere Wahl des täglichen oder wöchentlichen Einkaufs von Lebensmitteln, Klamotten und sonstigen Produkten zur Verbesserung der Welt beitragen, der lokalen, kleinen und der großen, weiten Welt. Es bedürfte wahrlich nicht allzu viel, einige geradlinige Gedanken, ein paar Hinterfragungen, ein bisschen Prioritätensetzung...

Allein, schaut man sich in Deutschland um, wirkt dies nahezu utopisch. Wir sparen lieber beim Gemüse und investieren stattdessen 120 EUR für einen Pullover bei A+F, dessen Firmenboss tatsächlich sagte, er möchte, dass nur attraktive und gut gebaute Menschen in seinen Läden einkauften. Angesichts des Erfolgs der Marke und der Tatsache, dass mittlerweile jeder 2. Deutsche übergewichtig ist, ist das ein recht deutlicher Hinweis auf die geistigen Fähigkeiten des deutschen Durchschnitts-Shoppers! Insofern erscheint es nicht mehr nur tragisch, sondern darüber hinaus auch absolut folgerichtig, ja nahezu unausweichlich, dass widerwärtige Arbeitgeber wie Starbucks und amazon und Sklavenausbeuter wie Primark in Deutschland Milliardengewinne einfahren, den Einzelhandel ruinieren und den lokalen Stellenmarkt entwerten. Und dafür, dass sie für all das noch nicht mal Steuern in Deutschland zahlen, werden sie mit uneingeschränkter Kundentreue belohnt. Hauptsache, wir wählen auch weiterhin die „richtigen“ Parteien und rühmen uns mit dem Wirtschaftswunder, wir haben uns unseren Wohlstand redlich verdient. Herzlichen Glückwunsch uns allen! Und lasst uns gegen Ausländer vorgehen und den Mindestlohn fordern!


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